Rückblick auf die Gedenkfeier zu Ehren der Juden in Oelde

Am 9. November 2017 versammelten sich rund 40 Menschen im Innenhof des Oelder Rathauses, um 6 Millionen verschleppter und ermordeter Juden zu gedenken. Im Innenhof steht ein Gedenkstein um an das grausame Verbrechen während des Hollocaust zu erinnern. Die Andacht leiteten Frau Christiane Glitscher-Krüger, Frau Elisabeth Lewanschkowski, Frau Doris Leeser und Zeitzeugin Frau Marietheres Krupp.

Es wurden über 100 Namen der ermordeten, deportierten und geflohenen Juden vorgelesen. Die Anwesenheit von Altglöckner Heinz Renk als Zeitzeuge war ebenfalls vorgesehen, er war an dem Abend jedoch verhindert und ließ seine Erinnerungen durch Frau Elisabeth Lewanschkowski verlesen.

Sieben rote Kerzen und eine abseitsstehende weiße Kerze mit einem Stein.

Doris Leeser erklärte, dass an dem Abend nicht nur an die ermordeten Juden gedacht werden solle, sondern auch an die 558 Fremdarbeiter, die in Oelde in den Kriegsjahren arbeiten mussten. Der Stein und die Kerze stünden für einen jungen Polen der wegen Diebstahls und wegen Widersetzlichkeit ohne Gerichtsverfahren in Oelde hingerichtet wurde. Der junge Pole wurde in „Stüers Büschken“ am Galgen erhängt. Dies geschah vor 75 Jahren am 12. Juni 1942.

Der Oelder Heinz Renk erinnert sich an die Hinrichtung und schrieb diese nieder.

Hinrichtung eines „Fremdarbeiters“ im Krieg von Heinz Renk

Ich entsinne mich, dass während des Krieges ein polnischer „Fremdarbeiter“ (das war die offizielle Bezeichnung) in Oelde in Stüers Büschken durch den Strang hingerichtet worden ist.

(Anmerkung d. Redaktion: Das Büschken nannte man früher das Gebiet wo heute der Radweg das Gymnasium mit der Albert-Schweitzer-Schule entlang des Axtbach verbindet. Wenn man vom alten Teil des Friedhofs über die Brücke in Richtung Kapelle geht, müsste die Stelle in Bachnähe ungefähr 50 bis 70 Meter in Richtung Gymnasium sein.

In dem Buch „Oelde, die Stadt in der wir leben“ wird kurz über die Exekution des Polen berichtet. Der Zeitzeugenbericht von Herrn Renk ist aktuell das detaillierteste Dokument, welches existiert)

Ich war 16 Jahre alt. Es war in Oelde allgemein bekannt, dass ein Pole den Polizei-Hauptwachtmeister Bönnemann im „Kittchen“ bei einem Fluchtversuch angegriffen und verletzt hat. Deswegen wurde er zum Tode durch Erhängen verurteilt.

Ob auch Ort und Datum der Hinrichtung allgemein bekannt waren, weiß ich heute nicht mehr. Ich entsinne mich nur, dass eine Handvoll neugieriger Halbwüchsiger mit mir hinter der Hecke waren, die den Friedhof damals von einer Kuhweide abgrenzte. Durch die Hecke konnten wir den ca. 200 bis 300 Meter entfernten Galgen auf der anderen Axtbachseite direkt gegenüber der Einmündung des Rathausbaches sehen, der als Balken zwischen zwei Eichbäumen befestigt war. Darunter war ein Tisch, auf dem der Verurteilte stand. Man sagte uns, der Tisch habe eine Klappe, die man öffnen könne, so dass der Delinquent, der eine Schlinge um den Hals hatte, hineinfiele und stranguliert würde. Durch Genickbruch sei er sofort tot.

Das alles konnten wir allerdings aus der Entfernung nicht genau sehen, denn wir mussten uns verborgen halten. Die Hinrichtung war nicht öffentlich. Die Brücke zwischen den beiden Friedhöfen, in deren unmittelbarer Nähe der Galgen errichtet worden war, gab es damals noch nicht. Das Brüggenfeld war Acker.

Ich konnte sehen, dass einige Personen anwesend waren und auch hören, dass etwas verlesen wurde. Verstehen konnte man das aber nicht. Ich entsinne mich nicht, Parteivertreter oder Uniformierte gesehen zu haben. Vermutlich waren einige Polizeibeamte anwesend, daran erinnere ich mich aber nicht.

Im Gedächtnis ist mir jedoch geblieben, dass nach der Hinrichtung polnische Fremdarbeiter im Gänsemarsch an dem Gehenkten vorbeimarschieren mussten. Nach heutiger Schätzung waren das zwischen 20 und 50. Viele taten das nur mit gesenktem Kopf.

Stüers Büschken ist ein schmaler Eichen-Auenwald entlang des Axtbaches. An seiner Ostseite war und ist auch heute noch eine ca. zwei Meter hohe Steilböschung, so dass der Hinrichtungsort gegen Sicht abgeschottet war. Durch Stüers Büschken lief nur ein Trampelpfad, auf dem wir als Kinder gerne und häufig spielten.

Ich habe heute (24.6.2014) den Ort aufgesucht und fotografiert. Ob die Eichen noch stehen, zwischen denen der Galgen stand, konnte ich nicht feststellen. Auch das Fundament der Gedenkplatte, die nach dem Krieg von mir Unbekannten dort angebracht worden ist, konnte ich nicht mehr finden. Ich habe die Platte ca. 1947 dort noch gesehen. Sie war etwar DIN A4 groß. Später sah ich nur noch das Fundament.

Erinnerungen der Zeitzeugin Marietheres Krupp an die Pogromnacht 1938

1938 war ich 12 Jahre alt und ging zur Volksschule in die sechste Klasse. Meine damalige Klassenlehrerin war in der NSDAP. Sie unterrichtete uns auch in biblischer Geschichte. Während einer Unterrichtsstunde sagte sie einmal, Jesus sei kein Jude, die Juden seien lange in ägyptischer Gefangenschaft gewesen. Auch meinte sie, alle Juden seien dumm. Darauf machte ich den Einspruch, dies könne nicht stimmen, Lore Fritzlar, eine jüdische Mitschülerin, sei auf die Töchterschule gegangen. In der Schulbücherei gab es Bücher gegen die Juden. An eines kann ich mich gut erinnern.

Frauen von links: Frau Lewanschkowski, Frau Glitscher-Krüger, Frau Leeser und Frau Krupp

Es saß ein dicker Mann, ein Jude, an einem Tisch. Er hatte eine große überdimensionale Nase, vor sich einen Teller mit einer gebratenen Gans und aß davon. Im Türrahmen stand ein dicker Priester, der mit dem Finger drohte und sagte:

»Du bist ein getaufter Christ und isst am Freitag Gans, das ist für Christen verboten.“ Darauf die Antwort des Juden: „Hab ich gesagt Gans sei Fisch, nun ist Gans Fisch.«

Die Bedeutung dieses Bildes ist folgende: Da aus der Gans kein Fisch wird, wird aus einem Juden kein Arier.

Es ist 76 Jahre her, Vieles ist in der Erinnerung verwischt. Am Morgen des 10. November ging ich wie immer zur Kirche. Ich weiß nicht mehr, ob etwas Besonderes auf dem Weg dorthin geschah. Nach der Messe ging ich zur Schule. Es war so merkwürdig still, die Menschen gingen eilig an mir vorbei oder standen zu zweit und flüsterten miteinander. Nun kam ich zum Textilgeschäft Weinberg auf der Langen Straße und war sehr erschrocken, aber auch neugierig.

Was war da nur passiert? Überall lagen Glassplitter verstreut; bis weit in die Straße hinein. Jetzt erst sah ich die zertrümmerte Schaufensterscheibe und konnte weit in den Raum hineinsehen. Im Schaufenster, es war in meiner Gesichtshöhe, lag alles durcheinander: die Scherben, die Stoffe waren mit Tinte übergossen und auseinandergerissen, die Schaufensterpuppen lagen zerbrochen und zermatscht darüber und verbreiteten einen fürchterlichen Gestank. Noch heute habe ich diesen Gestank in meiner Nase. Regale und alles Inventar war übereinander gekippt und zerschlagen. Ich ging weiter zur Schule. Was ich gesehen hatte, beschäftigte mich den ganzen Tag.

In der Pause hörte ich, dass die Jungen schulfrei hätten. Später erzählte man, der Lehrer, er war ein Nazi, hätte in der Nacht bei den Gräueltaten geholfen.

Nach Schulschluss ging ich auf dem Heimweg in die Synagoge. Da sie in einem Wohnhaus lag, konnte sie nicht verbrannt werden. Durch einen langen Flur, es war mir sehr unheimlich, gelangte ich in den Gebetsraum. Auch dort lag alles durcheinander: beschriebene Blätter, Gewänder, umgestürzte Kerzenhalter, Stühle und Bretter und vieles mehr. Durch die zerbrochene Scheibe konnte ich nach draußen sehen.

Da ich ein 12-jähriges Mädchen war, kann ich mich heute nicht mehr daran erinnern, was ich über all diese Ereignisse gedacht habe. Aber ich habe sie nie ganz vergessen.

Weiterer Bericht und Parallelen tun sich auf

Franz-Josef Speckmann

Nachdem die Geschichte dem Stromberger Heinz-Peter Speckmann zu Gehör kam, erinnerte sich dieser wieder, wie sein Vater früher oft in dem Busch mit ihm spazieren ging und von der Erhängung des Polen berichtete.

»Hier haben sie früher einen Polen erhängt.« sagte Franz-Josef Speckmann zu seinem Sohn damals.

Die Tochter von Heinz-Peter Speckmann, Lea, hatte im Jahre 2008 ein Interview mit dem Großvater Franz-Josef führen müssen für eine Arbeit des Unterrichts vom Johanneum Wadersloh Gymnasium.

Beim Zeitzeugenbericht von Lea Speckmann ging es im Interview unter anderem um die Ermordung des Polen.

Von Lea Speckmann

Erlebnisse, die mein Opa nie vergessen wird

Es gibt einige Erlebnisse in Opas Leben, die er niemals vergessen wird. Einige davon sind Erinnerungen, an die sich Opa gerne zurückerinnert und einige, die er vielleicht lieber vergessen würde:

Hinrichtung eines Polen

Früher befand sich ein Gefängnis auf dem Hermann-Johenning-Platz (heutige Polizei). Ein Pole, der dort gefangen gehalten wurde, soll, wie später gesagt wurde, einen Aufseher geschlagen haben.

Aus diesem Grund wurde er zum Tode verurteilt und öffentlich in Stührs–Büschken erhängt. Dies liegt zwischen dem neuen katholischen und dem evangelischen Friedhof.

Mein Opa und seine Freunde hatten sich in dem nahe gelegenen Kornfeld angeschlichen, wurden aber später von der Polizei entdeckt und noch vor der Erhängung verscheucht.

Sie hatten aber gesehen, wie herablassend die Polen behandelt wurden. Der Hebel, der die Klappe des Schafotts zum Fallen bringen sollte, musste von einem Polen gezogen werden. Die anderen Polen, die in der Nähe von Oelde als Kriegsgefangene gehalten wurden, mussten an dem Schafott vorbei gehen und zusehen wie der Verurteilte erhängt wurde.

Später errichtete man an dieser Stelle einen Gedenkstein, der an die schlimme Tat erinnern soll. Sogar mein Vater (Heinz-Peter Speckmann) kennt diesen Stein, da er in seiner Kindheit öfters mit meinem Opa dort war. Vor einiger Zeit wurde der Gedenkstein aber entfernt. Den Grund wusste mein Opa aber nicht.

Franz Josef Speckmann sieht man hinten links hier als jungen Mann bei der Westfalia Separator

Reichskristallnacht

Eine Essensmarke die die Familie Speckmann aufbewahrt hat

Auch mein Opa hat die „Reichskristallnacht“ (Pogrom gegen die Juden) am 9. November 1938 in Oelde miterlebt.

Die SS–Patrouillen hatten das gesamte Hab und Gut der Juden, die hier lebten, zerstört. Opa erinnert sich noch an die vielen Dinge, wie zum Beispiel Schranktüren und Porzellan, die nach dieser Nacht auf den Straßen zerbrochen lagen. Da alles aus den Fenstern geworfen wurde, schlug man diese ein.

Dieser Pogrom gegen die Juden trägt, auf Grund dieser vielen zerstörten Scheiben, den Namen „Reichskristallnacht“.




Gegen das Vergessen erinnern

Auch in diesem Jahr lädt der ökumenische Arbeitskreis „Wir Christen in Oelde“ wieder zur Gedenkfeier an die Pogromnacht ein.

Am 9. November um 18 Uhr sind alle herzlich eingeladen, sich im Rathausinnenhof am Gedenkstein an die „Reichspogromnacht/ Kristallnacht“ zu erinnern und vor neuerlichem Rassismus und Faschismus zu warnen. Das Verlesen der Namen der aus Oelde deportierten jüdischen Mitbürger und der Bericht über die standrechtliche Hinrichtung eines polnischen jungen Mannes stehen im Zentrum der etwa 30-minütigen Gedenkfeier.

Lesenswert

Der Mitarbeiter Heinz-Werner Drees vom OELDER-ANZEIGER gibt hier einen Rückblick auf die Machenschaften der Nazis in Oelde und liefert viele Information zur Pogromnacht.




Weltberühmte Regensburger Domspatzen in Oelde

Der älteste Jugendchor der Welt ist mehr als 1000 Jahre alt. Die weitgereisten Regensburger Domspatzen, die am 23.10. in Oelde (20 Uhr in der St. Johannes-Pfarrkirche) und am 21. Oktober um 20 Uhr in Drensteinfurt in der St. Regina-Kirche ihre Stimmen erschallen lassen, sind weltberühmt und vielfach geehrt. Dem im Jahr 975 vom damaligen Bischof gegründeten Chor der REGENSBURGER DOMSPATZEN wurde 2002 der Titel „Kultureller Botschafter von Europa“ verliehen. Durch die Teilnahme am UNICEF-Wettbewerb wurden sie auch Juniorbotschafter für Kinderrechte.

Fotos: Wolfgang Töpfer, Five Star Event

1910 machte der Chor seine erste Auslandsreise. Seitdem haben sich die Jungen mit den unvergleichlich schönen glockenreinen Stimmen auf den Bühnen und in unzähligen Kirchen Weltberühmtheit ersungen. Mit eigenem Bus sind sie in Europa unterwegs. Große Konzertreisen führten sie schon nach Kanada, Japan, Hongkong, Korea, Philippinen, USA und viele andere außereuropäische Länder.

Jahrelang wurde der Chor von Georg Ratzinger, dem Bruder des Papstes Benedikt, geleitet. Ihr Repertoire an geistlicher und weltlicher Musik ist umfangreich. Die ausgewogene Mischung von Gregorianischen Chorälen bis zur Musik unserer Tage macht ihre Auftritte so einmalig, erlebenswert und unvergesslich.

Leider ist es dem weltberühmten Chor nicht erspart geblieben, bei den Untersuchungen zu den unsäglichen Fällen von Missbrauchsvorwürfen (Anm. d. Redaktion: Siehe unten Zusatzinformationen) in die Schlagzeilen zu geraten. Wenn es auch in gar keiner Weise die heutigen Mitglieder des Chores und die derzeit für sie Verantwortlichen trifft, es schmerzt dennoch.

Das heutige unbescholtene Management, allen voran Domkapellmeister Roland Bücher, darf also trotz der die Vergangenheit betreffenden Vorwürfe zu Recht nach vorn schauen. Ein Neuanfang ist gemacht und einer der ältesten Knabenchöre der Welt setzt sich durch sein Können ins richtige Bild.

Tickets zum Preise von 29 € können an der Abendkasse noch erworben werden.

Schüler zahlen nur 10 €.

>>Zusatzinformationen Missbrauchsfälle<<

Durch eine Rezension der Literaturzeitschrift.de wurde der OELDER ANZEIGER aufmerksam auf das im riva-Verlag erschienene Buch „Von der Kirche missbraucht“ von Alexander J.Probst. Ein ehemaliger und missbrauchter Regensburger Domspatz berichtet darin von seiner qualvollen Zeit hinter den dicken Mauern des katholischen Internats. Dieses stand unter der Verantwortung vom Domkapellmeister Georg Ratzinger, dem Bruder des späteren Papstes Benedikt XVI. Fast vierzig Jahre später wagt der Autor Probst den Schritt in die Öffentlichkeit, um Gerechtigkeit zu fordern.

Das Buch

Den Durst zur Gerechtigkeit untermauert Probst mit einem gut 200 Seiten starken Rückblick auf die Zeit des damaligen Internats und seinen bis heute andauernden Kampf. Probst erzählt darin über eine Zeit, in denen Kinder blutig geschlagen und erniedrigt wurden. Er beschreibt, wie Kinder mit Alkohol und Pornografie auf nachfolgende sexuelle Missbräuche vorbereitet wurden. Das Schicksal beschreibt Probst dabei so gut, dass man sehr nah an die Geschehnisse herangeführt wird.

Eigene Empfindungen beim Lesen

Die Geschichte lässt sich nicht leicht mit einem Glas Rotwein in der Hand lesen. Bei den Beschreibungen der Verbrechen schüttelt man ungläubig den Kopf. An Stellen, wo dem Autor nach beendeter Tat vom Täter Präfekt Corny Hafner ins Ohr geflüstert wird: „Du bist ein guter Junge.“, fällt man vom Glauben ab. Passagen, in denen Mitwisser tatenlos zusehen oder zuhören und schweigen, erzürnen einen. Ungefähr 200 Mal wird der Junge im Alter von acht bis elf Jahren missbraucht, während dieser einen Ausweg aus dieser Situation sucht.

Als Vater denkt man über die eigene Kindheit und über die eigenen Kinder nach.

Was wäre wenn, frage ich mich ?!

Preis & wo erhältlich

Das Buch gibt es für 19,99 € bei Amazon oder für 15,99 € als Kindle-Edition.

Übergriffe auch damals vor Ort im katholischen Münsterland?

Aber nicht nur in Regensburg wurde durch Aufsichtspersonen Hand an Kinder gelegt. Wie der ehemalige Oelder Ruprecht Frieling in einem Interview im Bayerischen Rundfunk vom 10. September 2017 berichtet, soll es auch direkt vor unserer Haustür Übergriffe durch die Kirche gegeben haben. In diesem Gespräch berichtet Frieling, wie Priester mit Hilfe von Glanzbildern Mitschüler ins Haus gelockt haben. Diese durften sich dann entkleiden, wurden mit »heiligen« Ölen gesalbt und durften vor den Herren posieren.

Hier die Aufzeichnung der Sendung:




Mythos 1968

Mit großem Interesse erlebe ich, wie die Zeit meiner Jugend auf verschiedene Art und Weise und zu unterschiedlichen Themen in Museen und Ausstellungen präsentiert wird.

Das Kulturgut Haus Nottbeck in Oelde/Stromberg zeigt(e) zu diesem Thema verschiedene Ausstellungen:

WE WANT TO MAKE A REVOLUTION

Eine Erinnerung an den Jaguar-Club in Herford, eine Ausstellung mit einem Leseabend, an dem Ruprecht Frieling über das Thema: Wie der Beat nach Westfalen kam, berichtete.

SEXY, MINI, FLOWER, POP-OP, Werbung und Werke von Charles Wilp.

Und abschließend ab dem 24.09.2017:

1968-POP, PROTEST UND PROVOKATION

Im rock’n‘popmuseum Gronau ist eine Sonderausstellung über das Lippmann + Rau Musikarchiv zu sehen.

Das Dortmunder U bietet ab dem Frühjahr 2018:

PINK FLOYD – THEIR MORTAL REMAINS an. Eine Ausstellung, die im Moment noch im Victoria & Albert Museum in London zu sehen ist.

Musik, Kultur und Kunst der 60er Jahre sind Thema von zahlreichen Ausstellungen und Tagungen.

Jugend und Protest

Ab Mitte der 60er Jahre entstand – auch durch die Beat-Musik beeinflusst – eine weitverbreitete Jugendprotest- Bewegung. Durch die zunehmende Politisierung an den Gymnasien und Universitäten entwickelte sich Kritik an den Autoritäten und der Elterngeneration.

In den 50er Jahren gab es bereits die Rock and Roll- und Halbstarkenbewegung, diese trug aber nicht zu einer politischen Veränderung bei.

Im Jahr 1962 kam es in München zu den „Schwabinger Krawallen“. Durch Straßenmusikanten, die abends musizierten, fühlten sich einige Anwohner belästigt und riefen die Polizei. Es kam zu Rangeleien; die Situation eskalierte. Tausende Jugendliche solidarisierten sich und es kam in den darauffolgenden Tagen zu schweren Straßenschlachten.

Bereits in den 50er Jahren protestierten zahlreiche Bürger und Verbände gegen:   

die Gründung der Bundeswehr und später gegen ihre Nachrüstung mit taktischen Atomwaffen.                                                

Verschiedene Gewerkschaften riefen auf zum Kampf gegen den Atomtod.

Die Außerparlamentarische Opposition (APO) formierte sich als Reaktion auf die Koalition von CDU/CSU und SPD. Beteiligt waren u.a. die Ostermarschbewegung, die Republikanischen Clubs, die Studentenbewegung und die Bewegung gegen die Notstandsgesetze.

Proteste und Demonstrationen richteten sich gegen den Vietnamkrieg, die Notstandsgesetze, die Rassen- und Bürgerrechtspolitik der USA und gegen die Hochschulpolitik an den Universitäten.

Unter den Talaren der Muff von 1000 Jahren.

Ab Mitte der 60er Jahre entstanden Bewegungen, die sich mit ihrer Lebensweise gegen die Wohlstands- und Leistungsgesellschaft richteten. Gammler, Hippies und Beatniks suchten nach neuen Lebensformen.

Einen großen Einfluss auf die Veränderungen hatte die Rockmusik, die damals Beatmusik genannt wurde. Das Erscheinen der Beatles veränderte die Welt. Laut, dynamisch und vital, ein Vorbild für zahlreiche Jugendliche jener Jahre. Die weltweite Rockmusik etablierte sich als fester Bestandteil der Kultur.

Die Veränderungen zeigten sich mit langen Haaren, bunter Kleidung und gemeinsamem Wohnen in Wohngemeinschaften und Landkommunen.

Für diese Lebensweise wurden wir damals von vielen Leuten beschimpft und angefeindet. Auf Grund unseres Aussehens bekamen wir Lokalverbote, mussten uns anspucken und Prügel androhen lassen. Oder uns Sprüche anhören wie: Adolf müsste mal wieder- kommen. Lass dir mal die Haare schneiden. Geht doch rüber (damit war die DDR gemeint).

1968 war ein ereignisreiches Jahr:

Martin Luther King wurde ermordet.

Robert Kennedy wurde ermordet.

Im April wurde ein Attentat auf Rudi Dutschke verübt. Dutschke wurde schwer verletzt und starb Jahre später an den Folgen dieser Verletzungen.

Im Mai kam es zu Unruhen in Frankreich. Studenten und Arbeiter demonstrierten, der Generalstreik wurde ausgerufen.

Truppen des Warschauer Paktes marschierten in die CSSR ein. Der „Prager Frühling“ unter Führung von Alexander Dubcek wurde niedergeschlagen.

Bei den Olympischen Spielen in Mexiko reckten dunkelhäutige amerikanische Sportler als Protest gegen die Rassenpolitik der USA ihre geballten Fäuste während der Siegerehrung in die Luft.

Ostern 68 in Oelde

Ostern 1968 fand der Ostermarsch auch in Oelde-Stromberg statt. Eine Gruppe junger Oelder traf sich zum Osterfeuer und demonstrierte für Frieden und Gerechtigkeit

Die Journalistin Beate Klarsfeld ohrfeigte Kanzler Kiesinger. Kiesinger war NSDAP- Mitglied und arbeitete unter von Ribbentrop im Reichsaußenministerium.

René Cassin, ein französischer Diplomat und Jurist, erhält den Friedensnobelpreis für die Verfassung der Allgemeinen Erklärungen der Menschenrechte der Vereinten Nationen.

Während des Biafra-Kriegs wurden durch Militär, Hunger und Massaker Millionen Menschen umgebracht.

In My Lai, in Südvietnam, vergewaltigten und ermordeten amerikanische Soldaten über 500 Zivilisten.

Foto: Ronald L. Haeberle – Quelle Wikipedia.de

Kriegsmuseum in Vietnam Hanoi 2006 Foto: © Torsten Schwichtenhövel

Papst Paul VI spricht sich gegen die künstliche Geburtenregelung und die Einnahme der Anti-Baby-Pille aus.

Dem südafrikanischen Arzt Barnard gelingt eine erfolgreiche Herztransplantation.

Kaufhausbrandstiftung in Frankfurt, zwei der Täter sind Andreas Baader und Gudrun Ensslin.

In den Kinos liefen Filme, wie Spiel mir das Lied vom Tod, Zur Sache Schätzchen, 2001 Odyssee im Weltraum, Bonnie and Clyde und Rosemary`s Baby.

Musikalische Neuigkeiten gab es u.a. von:

Cream, Rolling Stones, Beatles, Doors, Moody Blues, Grateful Dead, Jimi Hendrix. John Mayall.

Deutsche Schlager mit u.a. Conny Froboess, Freddy Quinn, Peter Kraus und Lolita eroberten die Hitparaden.

Bücher gab es u.a. von:

Hubert Fichte, Siegfried Lenz und Rolf Dieter Brinkmann erschienen.

In Kassel präsentierte sich die DOCUMENTA 4 und in München wurde das Musical Hair aufgeführt.

In Essen fanden die Songtage 68 statt, mit Künstlern wie Alexis Korner, The Fugs, The Mothers of Invention.

Während des Burg-Waldeck-Festivals 1968 versammelte sich die Folk- und Protestsänger- Szene. Mit dabei waren Hannes Wader, Reinhard Mey, Franz Josef Degenhardt und Dieter Süverkrüp.

Piratensender wie Radio Veronica und Radio Caroline versorgten uns mit Musik. Disc-Jockeys wie John Peel brachten uns über den Äther die musikalischen Neuigkeiten ins Haus.

Molins Eisdiele in wilden Hippiezeiten aus der Sicht eines Oelder Karikaturisten

Die beliebtesten Vornamen waren (laut beliebte Vornamen.com) :

Claudia, Anja und Susanne.

Stefan, Thomas und Michael.

Oelde 1968

Ausbildung, Arbeit oder Schule gehörten zum Alltagsleben. Nachmittags oder abends traf man sich bei Franco und Rina in der Eisdiele, im Hahnenteller, bei „Stuckie“ oder beim “Hammer von Essen“, in der Gaststätte Kramers Mühle. Gegenüber der Kneipe, in der alten Mühle, spielte eine frühe Beat-Band aus Oelde: The Little Sharks.

Gelegentlich ging es zu Leo Mühlenkamp ins Kino, entweder in die Schauburg oder ins UT (Universum-Theater). Leute, die einen Führerschein, Auto, Motorrad oder Moped hatten, waren klar im Vorteil. Damit boten sich immer Möglichkeiten, in alle Richtungen zu fahren.

Wir warteten mit Ungeduld auf das Wochenende, denn das versprach immer viel Abwechslung, wie den Starclub in Bielefeld, das Scala in Herford oder Livemusik im ehrwürdigen „Blauen Täuber“ in Oelde.

Leichen auf Latschen

In dieser Zeit kündigte sich die Bundeswehr an. Nach der Wehrerfassung ging es anschließend zur Musterung. Zwischenzeitlich hatte ich den Wehrdienst mit der Waffe verweigert. Die Deutsche-Friedensgesellschaft-Internationale der Kriegsdienstgegner (DFG-IDK) unterstützte und schulte die Leute, die interessiert waren oder vor den Prüfungsausschüssen um ihre Anerkennung kämpften. In Oelde trafen wir uns mit Gleichgesinnten im damaligen Von-Galen-Heim.

Foto: ©Von-Galen-Heim ca. 1975

Die Prüfungsausschüsse waren häufig mit Handwerkern, Lehrern oder kleinen Beamten besetzt, ältere Männer, die häufig noch dem „Führer“ in der Wehrmacht gedient hatten. Diese Herren hatten das Ziel, möglichst vielen Antragstellern das Recht auf Kriegsdienstverweigerung (Artikel 4/3 GG) abzuerkennen und hatten dazu allerlei Fangfragen auf Lager, zum Beispiel: Stellen sie sich vor, sie gehen mit ihrer Freundin spazieren. Plötzlich springen drei bewaffnete Russen aus dem Gebüsch und wollen ihre Freundin vergewaltigen und ermorden. Sie haben eine Maschinenpistole dabei, was machen sie…..?

Ich wurde gefragt: Spielen sie ein Instrument? Wenn ja, dann können sie doch im Musikzug der Bundeswehr spielen.

Vor meiner Musterung hatte ich mich tagelang mit zu viel Alkohol, Nikotin, Pillen jeder Art und Schlafentzug präpariert. So saß ich dann mit vielen anderen Unwilligen in einem muffigen Loch in Münster und musste mich von „sadistischen“ Militärärzten quälen lassen. Nach diversen Kniebeugen und anderem Unfug wurde ich komplett auf den Kopf gestellt und zu meinem Erstaunen tatsächlich als gut und völlig geeignet gemustert.

Im Anschluss entstand ein jahrelanger Kampf mit verschiedenen Institutionen, um als Wehrdienstverweigerer anerkannt zu werden.

1968

Die Bezeichnung 1968 steht für ein Jahrzehnt der Rebellion, die im Jahre 68 ihren Höhepunkt fand. Heute, nach vielen Jahren werden die „68er“ unterschiedlich betrachtet. Für Einige waren sie für den Untergang des Abendlandes verantwortlich, für Andere sind es Erinnerungen an die eigene, „wilde Jugendzeit.“ Gleichzeitig symbolisiert 1968 einen Aufbruch in eine Veränderung und Demokratisierung der Gesellschaft.

Die Teile der 68er- Bewegung die den Kapitalismus (RAF) mit Gewalt stürzen wollten, haben außer Opfern und Gesetzesverschärfungen nichts hinterlassen. Aber der Teil, der die bürgerliche Gesellschaft demokratisieren und verändern wollte, hat einiges erreicht. Zum Beispiel:

die Mitbestimmung in den Betrieben, das Ende des Paragraphen 175, das Recht auf Abtreibung und ein Erstarken der Frauenbewegung. Es war eine Zeit der politischen und kulturellen Veränderungen, wodurch später auch Bündnis 90/Die Grünen, Greenpeace und die Friedensbewegung entstanden.




Ökumenische Feier des „Schöpfungstags“

Frau Chistiane Glitscher-Krüger aus Oelde informiert heute. Die griechisch-orthodoxe Gemeinde, die katholische Pfarrei St. Johannes und die Evangelische Kirchengemeinde begehen auch in diesem Jahr wieder gemeinsam die Feier des Schöpfungstags. Am Mittwoch, den 19. 09.2017 sind alle Christen in Oelde um 19.00 Uhr in die Evangelische Stadtkirche dazu herzlich eingeladen.

Hier ein Bild vom Eingangsbereich der Orestis-Kirche aus dem Jahr 2015

Die Vesper kommt aus der orthodoxen Tradition und wird zwischen dem ersten September und dem Erntedankfest gefeiert. Sie erinnert daran, dass wir alle Teile der Schöpfung sind und in Dankbarkeit den Schöpfer loben. Teil der Feier ist der gemeinsame Verzehr von gesegnetem Brot, Äpfeln, Olivenöl, Wasser und Wein.

St. Johannes Innenaufnahme

Innenaufnahme der

evangelischen Kirche

Beim Zweiten Ökumenischen Kirchentag in München 2010 haben sich viele Gemeinden in Deutschland dazu verpflichtet, diese Feier gemeinsam ökumenisch zu begehen. Seitdem richtet der ökumenische Arbeitskreis „Wir Christen in Oelde“ sie in jedem Jahr auch in Oelde aus.

Herzliche Einladung!




Disco bei Tanzschule Wiesrecker

Am 30. September 2017 findet bei der Tanzschule Wiesrecker in Oelde ab 19.00 Uhr eine Tanzveranstaltung statt. Einer Einladung von Holger Wiesrecker ist der OELDER ANZEIGER gerne gefolgt, um mit dem Tanzlehrer vieler Jugendlicher und Erwachsener zu sprechen.

Holger Wiesrecker berichtete uns, dass die 120-Jahr-Feier im Vorjahr sehr gut besucht war und er diese jetzt zum 121. Bestehen der Tanzschule wiederholen wird.

Bei der Veranstaltung geht es primär um Gäste der Altersgruppe 25+, aber auch jüngere werden nicht nach Hause geschickt werden.

Die Tanzschule und die Erinnerungen

Die Garderobe

Beim Betreten der Tanzschule stellte sich ein ungewolltes Grinsen auf meinem Gesicht ein. Zur rechten Seite erweckte der Anblick der Garderobe mit unzähligen Haken Erinnerungen in mir.

Wenn Haken sprechen könnten…

Holger berichtete uns selbst mit einem Lachen.

Da habe ich so manch einen persönlich an den Haken gehängt, wenn er sich danebenbenommen hat.

Die Lampen

Unter der Decke beleuchteten die säulenförmige Chromelampen den Weg zum Mischpult, Theke und Tanzfläche.

Das Mischpult

Am Mischpult der Tanzschule werden immer noch CD´s abgespielt und Vinylscheiben aufgelegt und wir erinnern uns erneut zurück. Songs wie Moviestar, Smells like teen spirit, Sauerland, It´s my Life, Good vibrations von Marky Mark oder 1000 gute Gründe schießen durch meinen Kopf.

Eine prächtige Sammlung

Der Tonträgerbestand ist wirklich immens und umfasst mehrere tausende. Ein Monitor am Disc Jockey-Stand dient der Steuerung der Lichtanlage und stellt somit das einzige digitale Equipment dar.

Holger Wiesrecker

Auf MP3 umzustellen würde ich nicht machen, da die Arbeit einfach viel zu viel wäre.

Wir legen immer noch alles von Hand auf.“

Holger erzählte uns, wie damals schon seine Eltern stets Wert auf die Pflege der Tonträger gelegt haben. Diese wurden nicht liegengelassen oder aufeinandergestapelt, sondern direkt vom Plattenteller wieder in die Hüllen gesteckt.

Eine Selbstverständlichkeit, die auch Holger fortführt. Die DJ´s wurden somit immer um Sorgfalt beim Umgang mit den Tonträger gebeten.

Die Tanzfläche

Drei Stufen hinunter befinden wir uns auf der Tanzfläche, dem Ort des Geschehens. Der große Spiegel, die Sitzbänke und das Parkett lassen die Erinnerungen weiter sprudeln. Der legendäre Sitzkreis auf der Tanzfläche zu „We will rock you“ von Queen, bei dem die Tänzer vergangener Tage knieten um mit den Händen auf dem Boden zum Rhythmus des Schlagzeuges zu klatschen.

Wir erinnern uns an die Rudermannschaft, welche immer zu Achim Reichels Aloha Heja He in See stach. Wir erinnern uns zurück an eine Mädelsgruppe, welche stets eine Tanzchoreografie vorführte mit heißen Schritten oder an die Break Dancer, welche mit Back-Spinns, Moonwalks und Spagaten auf der Tanzfläche alles gaben, um der Damenwelt zu imponieren. Wir erinnern uns an den wirbelnden Tornado-Standard-Tänzer, der wie der Tasmanische Teufel mit seiner Partnerin über die Tanzfläche wirbelte.

Wir erinnern uns einfach an sehr schöne Zeiten zurück, welche ab und zu mit einem Kater(Muskel) das Vergnügen des Vorabends quittierten. Wir erinnern uns an eine Zeit, in der Freundschaften schulhofübergreifend geschlossen wurden, sich Pärchen fanden und es soll auch Paare geben, aus denen eine Ehe hervorgegangen ist.

Tanzen verbindet einfach.

Wann und wo?

30. September 2017

Ab 19.00 Uhr

Stromberger Str. 3

59302 Oelde




Denkmalstreit in Münster: Wohin mit Paul Wulf?

Aus luftiger Höhe schaut Paul Wulf auf Münster
Fotos: © Ruprecht Frieling

Seit zehn Jahren steht das 3,40 m hohe Denkmal für den im NS-Regime zwangssterilisierten Paul Wulf auf dem Münsteraner Servatiiplatz und überstand dort manche Attacke seiner Gegner. Nun soll der Platz saniert werden, Paul Wulf soll von der Bildfläche verschwinden. Wer war der Mann und wen stört er?

Paul Wulf wurde 1921 in Essen geboren. Seine Eltern waren einfache Arbeiter, sie gaben den Jungen aus materieller Not 1928 in ein katholisches Kinderheim. Von dort aus wurde er 1932 in die jugendpsychiatrische »Idiotenanstalt« nach Marsberg verlegt. Hier lebten aufgrund fehlender Heimplätze gesunde und »kranke« Kindern unter menschenunwürdigen Bedingungen zusammen.

Paul Wulf erlebte den Rassenwahn

Nach der Machtergreifung der Nationalsozialisten wurde Paul mit rassenhygienischen Maßnahmen konfrontiert. Dahinter verbarg sich die Eugenik, deutsch auch Erbgesundheitslehre, die das Ziel hatte, Massenmorde als an »lebensunwert« definierten Menschen zu rechtfertigen. Bereits 1929 hatte Adolf Hitler auf dem Reichsparteitag in Nürnberg im Rassenwahn erklärt, »würde Deutschland jährlich eine Million Kinder bekommen und 700.000 bis 800.000 der Schwächsten beseitigt, dann würde am Ende das Ergebnis vielleicht sogar eine Kräftesteigerung sein.«

Pauls Eltern wollten ihren Jungen vor der Gaskammer retten und stellten einen Entlassungsantrag. Der Anstaltsleiter teilte ihnen jedoch mit, dass dem Antrag aufgrund von Pauls »angeborenem Schwachsinn ersten Grades« nur in Verbindung mit einer Sterilisation zugestimmt werden könne. Schweren Herzens stimmten die Eltern der Zwangssterilisation zu. So wurde der 16-jährige eines der vielen Opfer des »Erbgesundheitsgesetz zur Verhütung erbkranken Nachwuchses«.

Paul Wulf als Antifaschist

Nach seiner Entlassung aus der Anstalt arbeitete Paul Wulf während des Zweiten Weltkrieges gegen das Naziregime. Er konspirierte, wie der Münsteraner Soziologe und Sprecher des »Freundeskreis Paul Wulf« Dr. Bernd Drücke recherchierte, mit französischen Kriegsgefangenen, gab Informationen an sie weiter und verübte kleinere Sabotageaktionen. Den Einmarsch der Alliierten erlebte er als Befreiung. Doch er musste schon bald sehen, dass viele der alten NS-Schreibtischtäter auch in der Bundesrepublik Schlüsselpositionen besetzten und gesellschaftliches Ansehen genossen, während er aufgrund seiner offen ausgesprochenen sozialrevolutionären Gedanken selbst in Zeiten der Vollbeschäftigung arbeitslos und arm war.

Stellvertretend für die ca. 400.000 im nationalsozialistischen Deutschland Stück zwangssterilisierten Menschen setzte sich Paul Wulf für eine Entschädigung der Überlebenden ein. Er recherchierte die Nazivergangenheit Münsteraner Mediziner und dokumentierte die Taten des Zwillingsforschers Professor Verschuer, der eng mit seinem Schüler, dem KZ-Arzt Josef Mengele, zusammengearbeitet hatte. Während Verschuer bis zu seinem Tod 1969 Inhaber des Lehrstuhls des neu gegründeten Instituts für Humangenetik an der Westfälischen Wilhelms-Universität Münster blieb, erstritt Wulf erst 1979 das Recht auf eine bescheidene Erwerbsunfähigkeitsrente.

Bis zur seinem Tod am 3. Juli 1999 in Münster blieb Paul Wulf eine weit über die Grenzen der erzkatholischen Bischofsstadt bekannte Figur des antifaschistischen Widerstands und Kämpfer für soziale Gerechtigkeit. 2012 wurde der nach einem Naziarzt und Eugeniker benannte Jöttenweg in Paul-Wulf-Weg umbenannt.

Streit um Paul-Wulf-Denkmal

In Form einer Litfasssäule informiert das Paul-Wulf-Denkmal über den Rassenwahn der Nazizeit

Im Rahmen der alle zehn Jahre in Münster stattfindenden Skulpturprojekte schuf die Künstlerin Silke Wagner zum Thema »Geschichte von unten« ein Denkmal für Paul Wulf. Diese Skulptur wurde 2007 von den Lesern der »Münsterschen Zeitung« zum beliebtesten Standbild gewählt. Dennoch kam es zu einem politisch motivierten erbitterten »Skulpturenstreit«, und das Denkmal musste auf Druck von CDU und FDP abgebaut werden. Der Freundeskreis sammelte Geld, um die Skulptur zu kaufen und am 5. September 2010 auf dem Servatiiplatz der Öffentlichkeit zu übergeben.

Dort steht die Säule seitdem und klärt über die Untaten des NS-Regimes an Kinder und Jugendlichen auf. Im Zuge der geplanten Umgestaltung des Platzes entbrennen erneut Diskussionen um die Zukunft des Denkmals. Konservative Kreise versuchen unverändert, Paul Wulf einzumotten. Ob ihnen dieses gelingt oder ein würdiger Standort für das Mahnmal gefunden wird, erweist sich in den nächsten Monaten.

Mehr als 70 Jahre nach dem Zusammenbruch des »Tausendjährigen Reiches« wird sich am Beispiel von Paul Wulf zeigen, wie kritisch Münster mit der eigenen Vergangenheit umgeht.

Dieser Beitrag erschien zuerst auf RuprechtFrieling.de




„We want to make a Revolution“

Unter dem Titel »We want to make a Revolution« eröffnet das Kulturgut Haus Nottbeck eine Ausstellung, die an den ehemaligen Jaguar-Club Herford erinnert.

In den in vieler Weise bewegten 60er Jahren war der Jaguar-Club (Scala) in Herford ein wichtiger Treffpunkt für musikinteressierte junge Leute.

In der Mindener Straße in Herford, im ehemaligen Filmtheater Scala, eröffnete Cornelia Frauli im Jahr 1966 den unvergessenen Jaguar-Club.

Die Liste der dort aufgetretenen Künstler/innen  und Bands ist ellenlang und liest sich heute wie ein Lexikon der Rockgeschichte:

Alexis Korner, Cream, The Faces mit Rod Stewart, Jimi Hendrix, Pretty Things, Remo Four, Small Faces, Spooky Tooth, The Vip´s, The Who und noch zahlreiche andere Bands gaben sich dort die Klinke in die Hand.

Leider musste der Jaguar-Club im Oktober 1970 seine Pforten schließen.

Carola Frauli, eine Herforder Legende, verstarb im Februar 2017 im Alter von 96 Jahren.

Auch eine junge Band mit Musikern aus Oelde und Bielefeld hatte die Möglichkeit, im Jaguar-Club aufzutreten. The Souls traten als Vorgruppe der damals ziemlich bekannten Rivets auf.

Theo Schmitz, der vor einigen Jahren verstorbene Gitarrist der Souls, erinnerte sich an das Konzert:

„Unser größter Auftritt war in der Scala in Herford als Vorgruppe der Rivets. Wir spielten mit der Anlage der Rivets und hatten natürlich überhaupt keine Erfahrung, wie man diese in einer so großen Halle einstellt. Auf der Bühne wurden wir durch die Scheinwerfer so geblendet, dass man überhaupt keine Zuschauer erkennen konnte.

Wir begannen zu spielen und das Chaos auch! Ich hörte meine Gitarre nicht mehr und drehte den Verstärker auf. Ein Typ von den Rivets sprang auf die Bühne und drehte die Lautstärke wieder runter. Dann riss mir bei einem Solo die E-Saite. Ich habe dann während des Stücks die Gitarre mit unserem Rhythmusgitarristen getauscht. Zu guter Letzt packte unseren Sänger noch das Lampenfieber und er verschwand von der Bühne. Charly sprang recht gut ein. Nachdem wir das Programm beendet hatten, trauten wir uns erst gar nicht unter die Leute, weil wir dachten, wir hätten total schlecht gespielt. Aber genau das Gegenteil war der Fall.

Die Rivets spielten schon lange und als wir uns in die angrenzende Kneipe geschlichen hatten, wurden wir erkannt und den ganzen Abend von Menschen umringt, so dass man keinen Fuß mehr auf den Boden bekam. Somit war unser Auftritt der absolute Knaller!“

Original Logo gezeichnet von Norbert Löbbert

Die Ausstellung im Haus Nottbeck  ist vom 14.05.2017 bis zum 09.07.2017 zu sehen.

Adresse:

Landrat-Predeick-Allee 1, 59302 Oelde

Kontakt:

Tel.: 02529 945590. Fax.: 02529 945591

info@kulturgut-nottbeck.de

https://www.kulturgut-nottbeck.de/startseite/

Autoren des Artikels:

Schmitz/ Löbbert/ Drees

Ebenfalls Lesenswert zur Oelder Band-Geschichte ist auch dieser Artikel: Als der Beat nach Oelde kam




Kolpingsfamilie erzielt Spendenrekord bei Christbaumaktion

Die diesjährige 45. Weihnachtsbaumaktion der Kolpingfamilie in Oelde erzielte das beste Spendenergebnis seit Beginn der Aktion im Jahre 1972. Frau Annette Lakenbrink berichtete uns, dass ein Spendenbetrag von 8.000- € zusammengekommen ist.

Hier die Helfer, die in der Kerkbrede und Deipenweg waren

Der Spendenbetrag

Die Kolpingfamilie wird damit den Oelder Tisch und die Partner-Kolpingfamilie in Uganda unterstützen.

Die Christbaumaktion

Die Mitglieder der Kolpingfamilie treffen sich jedes Jahr nach Weihnachten, um ausgediente Christbäume einzusammeln. Diese werden von den Oelder Anwohnern üblicherweise an die Straße gestellt. Einige binden ein kleines Säckchen mit Geldinhalt daran fest, andere übergeben Spendengelder direkt den fleißigen Helfern.

Mit Traktoren, LkW´s und anderen brauchbaren Fahrzeugen, werden die gesammelten Tannen dann zum Osterfeuerplatz gefahren. Dort erleuchten die ausgedienten Tannen ein letztes Mal in einem Flammenmeer zu Ostern.

 

Einen Knochenjob

absolvieren die Helfer dabei jedes Jahr. Bei Regen, Schnee, Eis oder Kälte sammeln die vielen freiwilligen Helfer die Bäume ab den Morgenstunden bis in den frühen Abend ein. Selbst über Facebook kommunizieren die Helfer mit den Anwohnern, wenn noch irgendwo eine Tanne nicht abgeholt wurde.

Die Redaktion bedankt sich für 45 Jahre Einsatz.




Die Geschichte von »Kramers Mühle«

Kramers Mühle 1934

Kramers Mühle mit vorgelagerter Sägemühle im Jahre 1934. Hinter dem rechts im Anschnitt gezeigten Gebäude liegen das ehemalige Wohnhaus und spätere Restaurant. Foto: Archiv Robert Kramer, Luzern

Eine der vielen Attraktionen im Oelder Vier-Jahreszeiten-Park ist das gern besuchte Kindermuseum »Klipp Klapp«, das gleich neben »Kramers Mühle« liegt. Im historischen Teil der uralten Wassermühle schlüpfen die Kinder in die Rolle eines Müllers, mahlen mit echtem Getreide oder betätigen sich an der riesigen Spiel-Mühle und lernen den Weg vom Korn zum Mehl kennen.

Die aktuellen Fotos und das stimmungsvolle Video stammen von Torsten Schwichtenhövel, dem Rasenden Reporter des OELDER ANZEIGERS

Doch wer kennt schon die lange Geschichte der am rauschenden Bach gelegenen »Kramers Mühle«? Dem OELDER ANZEIGER gelang es, in Luzern (Schweiz) den ehemaligen Oelder Robert Kramer aufzuspüren, der alles über die Mühle weiß.

Mühlen zählen zu den ältesten Gewerbebetrieben in Oelde. Schon im Mittelalter wird eine »Fürstbischöfliche Mühle« erwähnt und alte Urkunden nennen 1591 den Mühlenteich, der damals zum Stift Essen gehörte. 1601 wurde ein neuer Lagerstein für die »öldische Mühle« benötigt. In diesen frühen Zeiten wurde die Mühle noch verpachtet.

Um 1776 stellte sich jedoch heraus, dass die Mühle nicht mehr vorteilhaft zu verpachten war. Der letzte Pächter, Joan David Cramer (frühere Schreibweise von »Kramer«), erwarb die Mühle in Erbpacht. Am 3. August 1852 kaufte die Familie Kramer vom preußischen Staat als Rechtsnachfolger des Bistums Münster das Anwesen. Gezahlt wurden 5.050 Reichsthaler, ein Aufgeld von weiteren 168 Reichsthalern und zehn Silbergroschen.

Auf Joan David Cramer, der am 06.02.1796 verstarb, folgten laut Robert Kramer:
Bernard Franz Cramer (1779 – 1858). Bernard Franz war übrigens der Vater von Dr. Franz Wilhelm Josef Cramer, des späteren Weihbischofs von Münster. (Ein Kirchenfenster in der St. Johanneskirche im Altarraum rechts zur Sakristei war ein Geschenk von ihm – versehen mit einer Widmung).
Gerhard Anton Cramer (1821 – 1904)
Bernhard Kramer (1858 – 1924)
Antonius Kramer (1902 – 1972)
Antonius Kramer bekam die Mühle erst nach Roberts Geburt anno 1936 von seiner Mutter überschrieben, damit die Nachfolge gesichert war. So streng waren damals die Bräuche.

Während der Kriegszeit wurde das Personal der Mühle für den »Endsieg« benötigt. Als Ersatz wurde der französische Kriegsgefangene Robert Balmont aus Doussard am Lac d´Annecy verpflichtet, in »Kramers Mühle« zu arbeiten. Das tat dieser wunderbare Mensch, der selbst in Frankreich im Departement Haute-Savoie eine eigene Mühle besaß, mit Fleiß und Zuverlässigkeit bis zum Kriegsende. Die Familie zollt ihm dafür Dank, und der Kontakt zur Familie Balmont ist bis heute nicht abgebrochen, erzählt Robert Kramer.

In der Nachkriegszeit gab es in der Stadt Oelde immerhin noch drei weitere Mühlen: Brand (später »Mühle Spinne«) an der Bultstrasse, Wöstmann an der Brede und Schlebrügge in der Warendorfer Straße.

In den 50er Jahren wurde der Betrieb einer eigenständigen Mühle jedoch sehr erschwert, da Großmühlen die Bäcker in der unmittelbaren Nachbarschaft günstiger beliefern konnten als die einheimischen Mühlen. Das Ergebnis zeigt es heute deutlich: Es gibt keine Mühle mehr in Oelde. Kramers mussten die Mühle schließen und versuchten sich in der Gastronomie. Es entstand gegenüber dem alten Mühlenhaus im historischen Wohnhaus der Familie das beliebte Restaurant »Kramers Mühle«, das älteren Oeldern noch gut erinnerlich ist und über Jahre einen guten Ruf genoss.

Zu den letzten Wirtsleuten von »Kramers Mühle« zählten Lilo und Robert Birkle. Er hatte zuvor im Bundestagsrestaurant Bad Godesberg gekocht und war in seiner Jugend als »Hammer von Essen« eine Box-Legende. Gegenüber, im alten Mühlenhaus, probten, als der Beat nach Oelde kam, lokale Bands wie »The Little Sharks«.

1996 führte ein Feuer zum Abriss des Gebäudes. Neben der gegenüberliegenden Mühle entstand das Kindermuseum »Klipp Klapp« im Vier-Jahreszeiten-Park Oelde. Mit Beginn der Landesgartenschau »Blütenzauber & Kinderträume« öffnete es erstmals 2001 seine Pforten und ist seither beliebter Anlaufpunkt für kleine Entdecker und Wissbegierige.

Wer erinnert sich noch an »Kramers Mühle«?

Der OELDER ANZEIGER freut sich über Kommentare, Zuschriften und Fotos. Vielen Dank!