Mythos 1968

Mit großem Interesse erlebe ich, wie die Zeit meiner Jugend auf verschiedene Art und Weise und zu unterschiedlichen Themen in Museen und Ausstellungen präsentiert wird.

Das Kulturgut Haus Nottbeck in Oelde/Stromberg zeigt(e) zu diesem Thema verschiedene Ausstellungen:

WE WANT TO MAKE A REVOLUTION

Eine Erinnerung an den Jaguar-Club in Herford, eine Ausstellung mit einem Leseabend, an dem Ruprecht Frieling über das Thema: Wie der Beat nach Westfalen kam, berichtete.

SEXY, MINI, FLOWER, POP-OP, Werbung und Werke von Charles Wilp.

Und abschließend ab dem 24.09.2017:

1968-POP, PROTEST UND PROVOKATION

Im rock’n‘popmuseum Gronau ist eine Sonderausstellung über das Lippmann + Rau Musikarchiv zu sehen.

Das Dortmunder U bietet ab dem Frühjahr 2018:

PINK FLOYD – THEIR MORTAL REMAINS an. Eine Ausstellung, die im Moment noch im Victoria & Albert Museum in London zu sehen ist.

Musik, Kultur und Kunst der 60er Jahre sind Thema von zahlreichen Ausstellungen und Tagungen.

Jugend und Protest

Ab Mitte der 60er Jahre entstand – auch durch die Beat-Musik beeinflusst – eine weitverbreitete Jugendprotest- Bewegung. Durch die zunehmende Politisierung an den Gymnasien und Universitäten entwickelte sich Kritik an den Autoritäten und der Elterngeneration.

In den 50er Jahren gab es bereits die Rock and Roll- und Halbstarkenbewegung, diese trug aber nicht zu einer politischen Veränderung bei.

Im Jahr 1962 kam es in München zu den „Schwabinger Krawallen“. Durch Straßenmusikanten, die abends musizierten, fühlten sich einige Anwohner belästigt und riefen die Polizei. Es kam zu Rangeleien; die Situation eskalierte. Tausende Jugendliche solidarisierten sich und es kam in den darauffolgenden Tagen zu schweren Straßenschlachten.

Bereits in den 50er Jahren protestierten zahlreiche Bürger und Verbände gegen:   

die Gründung der Bundeswehr und später gegen ihre Nachrüstung mit taktischen Atomwaffen.                                                

Verschiedene Gewerkschaften riefen auf zum Kampf gegen den Atomtod.

Die Außerparlamentarische Opposition (APO) formierte sich als Reaktion auf die Koalition von CDU/CSU und SPD. Beteiligt waren u.a. die Ostermarschbewegung, die Republikanischen Clubs, die Studentenbewegung und die Bewegung gegen die Notstandsgesetze.

Proteste und Demonstrationen richteten sich gegen den Vietnamkrieg, die Notstandsgesetze, die Rassen- und Bürgerrechtspolitik der USA und gegen die Hochschulpolitik an den Universitäten.

Unter den Talaren der Muff von 1000 Jahren.

Ab Mitte der 60er Jahre entstanden Bewegungen, die sich mit ihrer Lebensweise gegen die Wohlstands- und Leistungsgesellschaft richteten. Gammler, Hippies und Beatniks suchten nach neuen Lebensformen.

Einen großen Einfluss auf die Veränderungen hatte die Rockmusik, die damals Beatmusik genannt wurde. Das Erscheinen der Beatles veränderte die Welt. Laut, dynamisch und vital, ein Vorbild für zahlreiche Jugendliche jener Jahre. Die weltweite Rockmusik etablierte sich als fester Bestandteil der Kultur.

Die Veränderungen zeigten sich mit langen Haaren, bunter Kleidung und gemeinsamem Wohnen in Wohngemeinschaften und Landkommunen.

Für diese Lebensweise wurden wir damals von vielen Leuten beschimpft und angefeindet. Auf Grund unseres Aussehens bekamen wir Lokalverbote, mussten uns anspucken und Prügel androhen lassen. Oder uns Sprüche anhören wie: Adolf müsste mal wieder- kommen. Lass dir mal die Haare schneiden. Geht doch rüber (damit war die DDR gemeint).

1968 war ein ereignisreiches Jahr:

Martin Luther King wurde ermordet.

Robert Kennedy wurde ermordet.

Im April wurde ein Attentat auf Rudi Dutschke verübt. Dutschke wurde schwer verletzt und starb Jahre später an den Folgen dieser Verletzungen.

Im Mai kam es zu Unruhen in Frankreich. Studenten und Arbeiter demonstrierten, der Generalstreik wurde ausgerufen.

Truppen des Warschauer Paktes marschierten in die CSSR ein. Der „Prager Frühling“ unter Führung von Alexander Dubcek wurde niedergeschlagen.

Bei den Olympischen Spielen in Mexiko reckten dunkelhäutige amerikanische Sportler als Protest gegen die Rassenpolitik der USA ihre geballten Fäuste während der Siegerehrung in die Luft.

Ostern 68 in Oelde

Ostern 1968 fand der Ostermarsch auch in Oelde-Stromberg statt. Eine Gruppe junger Oelder traf sich zum Osterfeuer und demonstrierte für Frieden und Gerechtigkeit

Die Journalistin Beate Klarsfeld ohrfeigte Kanzler Kiesinger. Kiesinger war NSDAP- Mitglied und arbeitete unter von Ribbentrop im Reichsaußenministerium.

René Cassin, ein französischer Diplomat und Jurist, erhält den Friedensnobelpreis für die Verfassung der Allgemeinen Erklärungen der Menschenrechte der Vereinten Nationen.

Während des Biafra-Kriegs wurden durch Militär, Hunger und Massaker Millionen Menschen umgebracht.

In My Lai, in Südvietnam, vergewaltigten und ermordeten amerikanische Soldaten über 500 Zivilisten.

Foto: Ronald L. Haeberle – Quelle Wikipedia.de

Kriegsmuseum in Vietnam Hanoi 2006 Foto: © Torsten Schwichtenhövel

Papst Paul VI spricht sich gegen die künstliche Geburtenregelung und die Einnahme der Anti-Baby-Pille aus.

Dem südafrikanischen Arzt Barnard gelingt eine erfolgreiche Herztransplantation.

Kaufhausbrandstiftung in Frankfurt, zwei der Täter sind Andreas Baader und Gudrun Ensslin.

In den Kinos liefen Filme, wie Spiel mir das Lied vom Tod, Zur Sache Schätzchen, 2001 Odyssee im Weltraum, Bonnie and Clyde und Rosemary`s Baby.

Musikalische Neuigkeiten gab es u.a. von:

Cream, Rolling Stones, Beatles, Doors, Moody Blues, Grateful Dead, Jimi Hendrix. John Mayall.

Deutsche Schlager mit u.a. Conny Froboess, Freddy Quinn, Peter Kraus und Lolita eroberten die Hitparaden.

Bücher gab es u.a. von:

Hubert Fichte, Siegfried Lenz und Rolf Dieter Brinkmann erschienen.

In Kassel präsentierte sich die DOCUMENTA 4 und in München wurde das Musical Hair aufgeführt.

In Essen fanden die Songtage 68 statt, mit Künstlern wie Alexis Korner, The Fugs, The Mothers of Invention.

Während des Burg-Waldeck-Festivals 1968 versammelte sich die Folk- und Protestsänger- Szene. Mit dabei waren Hannes Wader, Reinhard Mey, Franz Josef Degenhardt und Dieter Süverkrüp.

Piratensender wie Radio Veronica und Radio Caroline versorgten uns mit Musik. Disc-Jockeys wie John Peel brachten uns über den Äther die musikalischen Neuigkeiten ins Haus.

Molins Eisdiele in wilden Hippiezeiten aus der Sicht eines Oelder Karikaturisten

Die beliebtesten Vornamen waren (laut beliebte Vornamen.com) :

Claudia, Anja und Susanne.

Stefan, Thomas und Michael.

Oelde 1968

Ausbildung, Arbeit oder Schule gehörten zum Alltagsleben. Nachmittags oder abends traf man sich bei Franco und Rina in der Eisdiele, im Hahnenteller, bei „Stuckie“ oder beim “Hammer von Essen“, in der Gaststätte Kramers Mühle. Gegenüber der Kneipe, in der alten Mühle, spielte eine frühe Beat-Band aus Oelde: The Little Sharks.

Gelegentlich ging es zu Leo Mühlenkamp ins Kino, entweder in die Schauburg oder ins UT (Universum-Theater). Leute, die einen Führerschein, Auto, Motorrad oder Moped hatten, waren klar im Vorteil. Damit boten sich immer Möglichkeiten, in alle Richtungen zu fahren.

Wir warteten mit Ungeduld auf das Wochenende, denn das versprach immer viel Abwechslung, wie den Starclub in Bielefeld, das Scala in Herford oder Livemusik im ehrwürdigen „Blauen Täuber“ in Oelde.

Leichen auf Latschen

In dieser Zeit kündigte sich die Bundeswehr an. Nach der Wehrerfassung ging es anschließend zur Musterung. Zwischenzeitlich hatte ich den Wehrdienst mit der Waffe verweigert. Die Deutsche-Friedensgesellschaft-Internationale der Kriegsdienstgegner (DFG-IDK) unterstützte und schulte die Leute, die interessiert waren oder vor den Prüfungsausschüssen um ihre Anerkennung kämpften. In Oelde trafen wir uns mit Gleichgesinnten im damaligen Von-Galen-Heim.

Foto: ©Von-Galen-Heim ca. 1975

Die Prüfungsausschüsse waren häufig mit Handwerkern, Lehrern oder kleinen Beamten besetzt, ältere Männer, die häufig noch dem „Führer“ in der Wehrmacht gedient hatten. Diese Herren hatten das Ziel, möglichst vielen Antragstellern das Recht auf Kriegsdienstverweigerung (Artikel 4/3 GG) abzuerkennen und hatten dazu allerlei Fangfragen auf Lager, zum Beispiel: Stellen sie sich vor, sie gehen mit ihrer Freundin spazieren. Plötzlich springen drei bewaffnete Russen aus dem Gebüsch und wollen ihre Freundin vergewaltigen und ermorden. Sie haben eine Maschinenpistole dabei, was machen sie…..?

Ich wurde gefragt: Spielen sie ein Instrument? Wenn ja, dann können sie doch im Musikzug der Bundeswehr spielen.

Vor meiner Musterung hatte ich mich tagelang mit zu viel Alkohol, Nikotin, Pillen jeder Art und Schlafentzug präpariert. So saß ich dann mit vielen anderen Unwilligen in einem muffigen Loch in Münster und musste mich von „sadistischen“ Militärärzten quälen lassen. Nach diversen Kniebeugen und anderem Unfug wurde ich komplett auf den Kopf gestellt und zu meinem Erstaunen tatsächlich als gut und völlig geeignet gemustert.

Im Anschluss entstand ein jahrelanger Kampf mit verschiedenen Institutionen, um als Wehrdienstverweigerer anerkannt zu werden.

1968

Die Bezeichnung 1968 steht für ein Jahrzehnt der Rebellion, die im Jahre 68 ihren Höhepunkt fand. Heute, nach vielen Jahren werden die „68er“ unterschiedlich betrachtet. Für Einige waren sie für den Untergang des Abendlandes verantwortlich, für Andere sind es Erinnerungen an die eigene, „wilde Jugendzeit.“ Gleichzeitig symbolisiert 1968 einen Aufbruch in eine Veränderung und Demokratisierung der Gesellschaft.

Die Teile der 68er- Bewegung die den Kapitalismus (RAF) mit Gewalt stürzen wollten, haben außer Opfern und Gesetzesverschärfungen nichts hinterlassen. Aber der Teil, der die bürgerliche Gesellschaft demokratisieren und verändern wollte, hat einiges erreicht. Zum Beispiel:

die Mitbestimmung in den Betrieben, das Ende des Paragraphen 175, das Recht auf Abtreibung und ein Erstarken der Frauenbewegung. Es war eine Zeit der politischen und kulturellen Veränderungen, wodurch später auch Bündnis 90/Die Grünen, Greenpeace und die Friedensbewegung entstanden.




Ökumenische Feier des „Schöpfungstags“

Frau Chistiane Glitscher-Krüger aus Oelde informiert heute. Die griechisch-orthodoxe Gemeinde, die katholische Pfarrei St. Johannes und die Evangelische Kirchengemeinde begehen auch in diesem Jahr wieder gemeinsam die Feier des Schöpfungstags. Am Mittwoch, den 19. 09.2017 sind alle Christen in Oelde um 19.00 Uhr in die Evangelische Stadtkirche dazu herzlich eingeladen.

Hier ein Bild vom Eingangsbereich der Orestis-Kirche aus dem Jahr 2015

Die Vesper kommt aus der orthodoxen Tradition und wird zwischen dem ersten September und dem Erntedankfest gefeiert. Sie erinnert daran, dass wir alle Teile der Schöpfung sind und in Dankbarkeit den Schöpfer loben. Teil der Feier ist der gemeinsame Verzehr von gesegnetem Brot, Äpfeln, Olivenöl, Wasser und Wein.

St. Johannes Innenaufnahme

Innenaufnahme der

evangelischen Kirche

Beim Zweiten Ökumenischen Kirchentag in München 2010 haben sich viele Gemeinden in Deutschland dazu verpflichtet, diese Feier gemeinsam ökumenisch zu begehen. Seitdem richtet der ökumenische Arbeitskreis „Wir Christen in Oelde“ sie in jedem Jahr auch in Oelde aus.

Herzliche Einladung!




Disco bei Tanzschule Wiesrecker

Am 30. September 2017 findet bei der Tanzschule Wiesrecker in Oelde ab 19.00 Uhr eine Tanzveranstaltung statt. Einer Einladung von Holger Wiesrecker ist der OELDER ANZEIGER gerne gefolgt, um mit dem Tanzlehrer vieler Jugendlicher und Erwachsener zu sprechen.

Holger Wiesrecker berichtete uns, dass die 120-Jahr-Feier im Vorjahr sehr gut besucht war und er diese jetzt zum 121. Bestehen der Tanzschule wiederholen wird.

Bei der Veranstaltung geht es primär um Gäste der Altersgruppe 25+, aber auch jüngere werden nicht nach Hause geschickt werden.

Die Tanzschule und die Erinnerungen

Die Garderobe

Beim Betreten der Tanzschule stellte sich ein ungewolltes Grinsen auf meinem Gesicht ein. Zur rechten Seite erweckte der Anblick der Garderobe mit unzähligen Haken Erinnerungen in mir.

Wenn Haken sprechen könnten…

Holger berichtete uns selbst mit einem Lachen.

Da habe ich so manch einen persönlich an den Haken gehängt, wenn er sich danebenbenommen hat.

Die Lampen

Unter der Decke beleuchteten die säulenförmige Chromelampen den Weg zum Mischpult, Theke und Tanzfläche.

Das Mischpult

Am Mischpult der Tanzschule werden immer noch CD´s abgespielt und Vinylscheiben aufgelegt und wir erinnern uns erneut zurück. Songs wie Moviestar, Smells like teen spirit, Sauerland, It´s my Life, Good vibrations von Marky Mark oder 1000 gute Gründe schießen durch meinen Kopf.

Eine prächtige Sammlung

Der Tonträgerbestand ist wirklich immens und umfasst mehrere tausende. Ein Monitor am Disc Jockey-Stand dient der Steuerung der Lichtanlage und stellt somit das einzige digitale Equipment dar.

Holger Wiesrecker

Auf MP3 umzustellen würde ich nicht machen, da die Arbeit einfach viel zu viel wäre.

Wir legen immer noch alles von Hand auf.“

Holger erzählte uns, wie damals schon seine Eltern stets Wert auf die Pflege der Tonträger gelegt haben. Diese wurden nicht liegengelassen oder aufeinandergestapelt, sondern direkt vom Plattenteller wieder in die Hüllen gesteckt.

Eine Selbstverständlichkeit, die auch Holger fortführt. Die DJ´s wurden somit immer um Sorgfalt beim Umgang mit den Tonträger gebeten.

Die Tanzfläche

Drei Stufen hinunter befinden wir uns auf der Tanzfläche, dem Ort des Geschehens. Der große Spiegel, die Sitzbänke und das Parkett lassen die Erinnerungen weiter sprudeln. Der legendäre Sitzkreis auf der Tanzfläche zu „We will rock you“ von Queen, bei dem die Tänzer vergangener Tage knieten um mit den Händen auf dem Boden zum Rhythmus des Schlagzeuges zu klatschen.

Wir erinnern uns an die Rudermannschaft, welche immer zu Achim Reichels Aloha Heja He in See stach. Wir erinnern uns zurück an eine Mädelsgruppe, welche stets eine Tanzchoreografie vorführte mit heißen Schritten oder an die Break Dancer, welche mit Back-Spinns, Moonwalks und Spagaten auf der Tanzfläche alles gaben, um der Damenwelt zu imponieren. Wir erinnern uns an den wirbelnden Tornado-Standard-Tänzer, der wie der Tasmanische Teufel mit seiner Partnerin über die Tanzfläche wirbelte.

Wir erinnern uns einfach an sehr schöne Zeiten zurück, welche ab und zu mit einem Kater(Muskel) das Vergnügen des Vorabends quittierten. Wir erinnern uns an eine Zeit, in der Freundschaften schulhofübergreifend geschlossen wurden, sich Pärchen fanden und es soll auch Paare geben, aus denen eine Ehe hervorgegangen ist.

Tanzen verbindet einfach.

Wann und wo?

30. September 2017

Ab 19.00 Uhr

Stromberger Str. 3

59302 Oelde




Denkmalstreit in Münster: Wohin mit Paul Wulf?

Aus luftiger Höhe schaut Paul Wulf auf Münster
Fotos: © Ruprecht Frieling

Seit zehn Jahren steht das 3,40 m hohe Denkmal für den im NS-Regime zwangssterilisierten Paul Wulf auf dem Münsteraner Servatiiplatz und überstand dort manche Attacke seiner Gegner. Nun soll der Platz saniert werden, Paul Wulf soll von der Bildfläche verschwinden. Wer war der Mann und wen stört er?

Paul Wulf wurde 1921 in Essen geboren. Seine Eltern waren einfache Arbeiter, sie gaben den Jungen aus materieller Not 1928 in ein katholisches Kinderheim. Von dort aus wurde er 1932 in die jugendpsychiatrische »Idiotenanstalt« nach Marsberg verlegt. Hier lebten aufgrund fehlender Heimplätze gesunde und »kranke« Kindern unter menschenunwürdigen Bedingungen zusammen.

Paul Wulf erlebte den Rassenwahn

Nach der Machtergreifung der Nationalsozialisten wurde Paul mit rassenhygienischen Maßnahmen konfrontiert. Dahinter verbarg sich die Eugenik, deutsch auch Erbgesundheitslehre, die das Ziel hatte, Massenmorde als an »lebensunwert« definierten Menschen zu rechtfertigen. Bereits 1929 hatte Adolf Hitler auf dem Reichsparteitag in Nürnberg im Rassenwahn erklärt, »würde Deutschland jährlich eine Million Kinder bekommen und 700.000 bis 800.000 der Schwächsten beseitigt, dann würde am Ende das Ergebnis vielleicht sogar eine Kräftesteigerung sein.«

Pauls Eltern wollten ihren Jungen vor der Gaskammer retten und stellten einen Entlassungsantrag. Der Anstaltsleiter teilte ihnen jedoch mit, dass dem Antrag aufgrund von Pauls »angeborenem Schwachsinn ersten Grades« nur in Verbindung mit einer Sterilisation zugestimmt werden könne. Schweren Herzens stimmten die Eltern der Zwangssterilisation zu. So wurde der 16-jährige eines der vielen Opfer des »Erbgesundheitsgesetz zur Verhütung erbkranken Nachwuchses«.

Paul Wulf als Antifaschist

Nach seiner Entlassung aus der Anstalt arbeitete Paul Wulf während des Zweiten Weltkrieges gegen das Naziregime. Er konspirierte, wie der Münsteraner Soziologe und Sprecher des »Freundeskreis Paul Wulf« Dr. Bernd Drücke recherchierte, mit französischen Kriegsgefangenen, gab Informationen an sie weiter und verübte kleinere Sabotageaktionen. Den Einmarsch der Alliierten erlebte er als Befreiung. Doch er musste schon bald sehen, dass viele der alten NS-Schreibtischtäter auch in der Bundesrepublik Schlüsselpositionen besetzten und gesellschaftliches Ansehen genossen, während er aufgrund seiner offen ausgesprochenen sozialrevolutionären Gedanken selbst in Zeiten der Vollbeschäftigung arbeitslos und arm war.

Stellvertretend für die ca. 400.000 im nationalsozialistischen Deutschland Stück zwangssterilisierten Menschen setzte sich Paul Wulf für eine Entschädigung der Überlebenden ein. Er recherchierte die Nazivergangenheit Münsteraner Mediziner und dokumentierte die Taten des Zwillingsforschers Professor Verschuer, der eng mit seinem Schüler, dem KZ-Arzt Josef Mengele, zusammengearbeitet hatte. Während Verschuer bis zu seinem Tod 1969 Inhaber des Lehrstuhls des neu gegründeten Instituts für Humangenetik an der Westfälischen Wilhelms-Universität Münster blieb, erstritt Wulf erst 1979 das Recht auf eine bescheidene Erwerbsunfähigkeitsrente.

Bis zur seinem Tod am 3. Juli 1999 in Münster blieb Paul Wulf eine weit über die Grenzen der erzkatholischen Bischofsstadt bekannte Figur des antifaschistischen Widerstands und Kämpfer für soziale Gerechtigkeit. 2012 wurde der nach einem Naziarzt und Eugeniker benannte Jöttenweg in Paul-Wulf-Weg umbenannt.

Streit um Paul-Wulf-Denkmal

In Form einer Litfasssäule informiert das Paul-Wulf-Denkmal über den Rassenwahn der Nazizeit

Im Rahmen der alle zehn Jahre in Münster stattfindenden Skulpturprojekte schuf die Künstlerin Silke Wagner zum Thema »Geschichte von unten« ein Denkmal für Paul Wulf. Diese Skulptur wurde 2007 von den Lesern der »Münsterschen Zeitung« zum beliebtesten Standbild gewählt. Dennoch kam es zu einem politisch motivierten erbitterten »Skulpturenstreit«, und das Denkmal musste auf Druck von CDU und FDP abgebaut werden. Der Freundeskreis sammelte Geld, um die Skulptur zu kaufen und am 5. September 2010 auf dem Servatiiplatz der Öffentlichkeit zu übergeben.

Dort steht die Säule seitdem und klärt über die Untaten des NS-Regimes an Kinder und Jugendlichen auf. Im Zuge der geplanten Umgestaltung des Platzes entbrennen erneut Diskussionen um die Zukunft des Denkmals. Konservative Kreise versuchen unverändert, Paul Wulf einzumotten. Ob ihnen dieses gelingt oder ein würdiger Standort für das Mahnmal gefunden wird, erweist sich in den nächsten Monaten.

Mehr als 70 Jahre nach dem Zusammenbruch des »Tausendjährigen Reiches« wird sich am Beispiel von Paul Wulf zeigen, wie kritisch Münster mit der eigenen Vergangenheit umgeht.

Dieser Beitrag erschien zuerst auf RuprechtFrieling.de




„We want to make a Revolution“

Unter dem Titel »We want to make a Revolution« eröffnet das Kulturgut Haus Nottbeck eine Ausstellung, die an den ehemaligen Jaguar-Club Herford erinnert.

In den in vieler Weise bewegten 60er Jahren war der Jaguar-Club (Scala) in Herford ein wichtiger Treffpunkt für musikinteressierte junge Leute.

In der Mindener Straße in Herford, im ehemaligen Filmtheater Scala, eröffnete Cornelia Frauli im Jahr 1966 den unvergessenen Jaguar-Club.

Die Liste der dort aufgetretenen Künstler/innen  und Bands ist ellenlang und liest sich heute wie ein Lexikon der Rockgeschichte:

Alexis Korner, Cream, The Faces mit Rod Stewart, Jimi Hendrix, Pretty Things, Remo Four, Small Faces, Spooky Tooth, The Vip´s, The Who und noch zahlreiche andere Bands gaben sich dort die Klinke in die Hand.

Leider musste der Jaguar-Club im Oktober 1970 seine Pforten schließen.

Carola Frauli, eine Herforder Legende, verstarb im Februar 2017 im Alter von 96 Jahren.

Auch eine junge Band mit Musikern aus Oelde und Bielefeld hatte die Möglichkeit, im Jaguar-Club aufzutreten. The Souls traten als Vorgruppe der damals ziemlich bekannten Rivets auf.

Theo Schmitz, der vor einigen Jahren verstorbene Gitarrist der Souls, erinnerte sich an das Konzert:

„Unser größter Auftritt war in der Scala in Herford als Vorgruppe der Rivets. Wir spielten mit der Anlage der Rivets und hatten natürlich überhaupt keine Erfahrung, wie man diese in einer so großen Halle einstellt. Auf der Bühne wurden wir durch die Scheinwerfer so geblendet, dass man überhaupt keine Zuschauer erkennen konnte.

Wir begannen zu spielen und das Chaos auch! Ich hörte meine Gitarre nicht mehr und drehte den Verstärker auf. Ein Typ von den Rivets sprang auf die Bühne und drehte die Lautstärke wieder runter. Dann riss mir bei einem Solo die E-Saite. Ich habe dann während des Stücks die Gitarre mit unserem Rhythmusgitarristen getauscht. Zu guter Letzt packte unseren Sänger noch das Lampenfieber und er verschwand von der Bühne. Charly sprang recht gut ein. Nachdem wir das Programm beendet hatten, trauten wir uns erst gar nicht unter die Leute, weil wir dachten, wir hätten total schlecht gespielt. Aber genau das Gegenteil war der Fall.

Die Rivets spielten schon lange und als wir uns in die angrenzende Kneipe geschlichen hatten, wurden wir erkannt und den ganzen Abend von Menschen umringt, so dass man keinen Fuß mehr auf den Boden bekam. Somit war unser Auftritt der absolute Knaller!“

Original Logo gezeichnet von Norbert Löbbert

Die Ausstellung im Haus Nottbeck  ist vom 14.05.2017 bis zum 09.07.2017 zu sehen.

Adresse:

Landrat-Predeick-Allee 1, 59302 Oelde

Kontakt:

Tel.: 02529 945590. Fax.: 02529 945591

info@kulturgut-nottbeck.de

https://www.kulturgut-nottbeck.de/startseite/

Autoren des Artikels:

Schmitz/ Löbbert/ Drees

Ebenfalls Lesenswert zur Oelder Band-Geschichte ist auch dieser Artikel: Als der Beat nach Oelde kam




Kolpingsfamilie erzielt Spendenrekord bei Christbaumaktion

Die diesjährige 45. Weihnachtsbaumaktion der Kolpingfamilie in Oelde erzielte das beste Spendenergebnis seit Beginn der Aktion im Jahre 1972. Frau Annette Lakenbrink berichtete uns, dass ein Spendenbetrag von 8.000- € zusammengekommen ist.

Hier die Helfer, die in der Kerkbrede und Deipenweg waren

Der Spendenbetrag

Die Kolpingfamilie wird damit den Oelder Tisch und die Partner-Kolpingfamilie in Uganda unterstützen.

Die Christbaumaktion

Die Mitglieder der Kolpingfamilie treffen sich jedes Jahr nach Weihnachten, um ausgediente Christbäume einzusammeln. Diese werden von den Oelder Anwohnern üblicherweise an die Straße gestellt. Einige binden ein kleines Säckchen mit Geldinhalt daran fest, andere übergeben Spendengelder direkt den fleißigen Helfern.

Mit Traktoren, LkW´s und anderen brauchbaren Fahrzeugen, werden die gesammelten Tannen dann zum Osterfeuerplatz gefahren. Dort erleuchten die ausgedienten Tannen ein letztes Mal in einem Flammenmeer zu Ostern.

 

Einen Knochenjob

absolvieren die Helfer dabei jedes Jahr. Bei Regen, Schnee, Eis oder Kälte sammeln die vielen freiwilligen Helfer die Bäume ab den Morgenstunden bis in den frühen Abend ein. Selbst über Facebook kommunizieren die Helfer mit den Anwohnern, wenn noch irgendwo eine Tanne nicht abgeholt wurde.

Die Redaktion bedankt sich für 45 Jahre Einsatz.




Die Geschichte von »Kramers Mühle«

Kramers Mühle 1934

Kramers Mühle mit vorgelagerter Sägemühle im Jahre 1934. Hinter dem rechts im Anschnitt gezeigten Gebäude liegen das ehemalige Wohnhaus und spätere Restaurant. Foto: Archiv Robert Kramer, Luzern

Eine der vielen Attraktionen im Oelder Vier-Jahreszeiten-Park ist das gern besuchte Kindermuseum »Klipp Klapp«, das gleich neben »Kramers Mühle« liegt. Im historischen Teil der uralten Wassermühle schlüpfen die Kinder in die Rolle eines Müllers, mahlen mit echtem Getreide oder betätigen sich an der riesigen Spiel-Mühle und lernen den Weg vom Korn zum Mehl kennen.

Die aktuellen Fotos und das stimmungsvolle Video stammen von Torsten Schwichtenhövel, dem Rasenden Reporter des OELDER ANZEIGERS

Doch wer kennt schon die lange Geschichte der am rauschenden Bach gelegenen »Kramers Mühle«? Dem OELDER ANZEIGER gelang es, in Luzern (Schweiz) den ehemaligen Oelder Robert Kramer aufzuspüren, der alles über die Mühle weiß.

Mühlen zählen zu den ältesten Gewerbebetrieben in Oelde. Schon im Mittelalter wird eine »Fürstbischöfliche Mühle« erwähnt und alte Urkunden nennen 1591 den Mühlenteich, der damals zum Stift Essen gehörte. 1601 wurde ein neuer Lagerstein für die »öldische Mühle« benötigt. In diesen frühen Zeiten wurde die Mühle noch verpachtet.

Um 1776 stellte sich jedoch heraus, dass die Mühle nicht mehr vorteilhaft zu verpachten war. Der letzte Pächter, Joan David Cramer (frühere Schreibweise von »Kramer«), erwarb die Mühle in Erbpacht. Am 3. August 1852 kaufte die Familie Kramer vom preußischen Staat als Rechtsnachfolger des Bistums Münster das Anwesen. Gezahlt wurden 5.050 Reichsthaler, ein Aufgeld von weiteren 168 Reichsthalern und zehn Silbergroschen.

Auf Joan David Cramer, der am 06.02.1796 verstarb, folgten laut Robert Kramer:
Bernard Franz Cramer (1779 – 1858). Bernard Franz war übrigens der Vater von Dr. Franz Wilhelm Josef Cramer, des späteren Weihbischofs von Münster. (Ein Kirchenfenster in der St. Johanneskirche im Altarraum rechts zur Sakristei war ein Geschenk von ihm – versehen mit einer Widmung).
Gerhard Anton Cramer (1821 – 1904)
Bernhard Kramer (1858 – 1924)
Antonius Kramer (1902 – 1972)
Antonius Kramer bekam die Mühle erst nach Roberts Geburt anno 1936 von seiner Mutter überschrieben, damit die Nachfolge gesichert war. So streng waren damals die Bräuche.

Während der Kriegszeit wurde das Personal der Mühle für den »Endsieg« benötigt. Als Ersatz wurde der französische Kriegsgefangene Robert Balmont aus Doussard am Lac d´Annecy verpflichtet, in »Kramers Mühle« zu arbeiten. Das tat dieser wunderbare Mensch, der selbst in Frankreich im Departement Haute-Savoie eine eigene Mühle besaß, mit Fleiß und Zuverlässigkeit bis zum Kriegsende. Die Familie zollt ihm dafür Dank, und der Kontakt zur Familie Balmont ist bis heute nicht abgebrochen, erzählt Robert Kramer.

In der Nachkriegszeit gab es in der Stadt Oelde immerhin noch drei weitere Mühlen: Brand (später »Mühle Spinne«) an der Bultstrasse, Wöstmann an der Brede und Schlebrügge in der Warendorfer Straße.

In den 50er Jahren wurde der Betrieb einer eigenständigen Mühle jedoch sehr erschwert, da Großmühlen die Bäcker in der unmittelbaren Nachbarschaft günstiger beliefern konnten als die einheimischen Mühlen. Das Ergebnis zeigt es heute deutlich: Es gibt keine Mühle mehr in Oelde. Kramers mussten die Mühle schließen und versuchten sich in der Gastronomie. Es entstand gegenüber dem alten Mühlenhaus im historischen Wohnhaus der Familie das beliebte Restaurant »Kramers Mühle«, das älteren Oeldern noch gut erinnerlich ist und über Jahre einen guten Ruf genoss.

Zu den letzten Wirtsleuten von »Kramers Mühle« zählten Lilo und Robert Birkle. Er hatte zuvor im Bundestagsrestaurant Bad Godesberg gekocht und war in seiner Jugend als »Hammer von Essen« eine Box-Legende. Gegenüber, im alten Mühlenhaus, probten, als der Beat nach Oelde kam, lokale Bands wie »The Little Sharks«.

1996 führte ein Feuer zum Abriss des Gebäudes. Neben der gegenüberliegenden Mühle entstand das Kindermuseum »Klipp Klapp« im Vier-Jahreszeiten-Park Oelde. Mit Beginn der Landesgartenschau »Blütenzauber & Kinderträume« öffnete es erstmals 2001 seine Pforten und ist seither beliebter Anlaufpunkt für kleine Entdecker und Wissbegierige.

Wer erinnert sich noch an »Kramers Mühle«?

Der OELDER ANZEIGER freut sich über Kommentare, Zuschriften und Fotos. Vielen Dank!




Die Oelder „Gasfabrik“

Gaslampe in den Straßen von OeldeOelder Geschichten und Geschichte.

Eine Erinnerung von Heinz Werner Drees und Norbert Löbbert.

Herbst und Winter sind bekanntlich die dunklen Jahreszeiten, die Tage sind häufig endlos grau und die Sonne lässt sich selten sehen. Es wird früh dunkel.

Vor vielen Jahren, als ich die Schulbank drückte, sah meine Freizeit ungefähr so aus: nach der Schule nach Hause gehen, Mittagessen, danach die Hausaufgaben erledigen. Anschließend gab es je nach Jahreszeit Gelegenheit für Sport, Spiel und Spannung. Aber bevor ich in der dunklen Jahreszeit das Haus verließ, wurde ich ermahnend daran erinnert: wenn die Laternen angehen, dann kommst du nach Hause !

Ein Gasmann entzündet eine Lampe in den Straßen von Oelde

Das Gaswerk im Hintergrund während ein Mitarbeiter manuel die Lampen entzündet. Zeichnung von Norbert Löbbert

Damals wurden die Laternen noch mit Gas betrieben und mir ist in Erinnerung geblieben, dass nicht-funktionierende Laternen von einem Mitarbeiter der Oelder „Gasfabrik“ manuell entzündet wurden. Meistens kam in solchen Situationen der „Gasmann“ mit dem Fahrrad. Dabei hatte er eine lange Stange, an deren Ende eine Art Haken angebracht war. Mit diesem Haken konnte er oben an der Laterne einen Ring ziehen und schon erstrahlte die Lampe im hellen Gaslicht.

Wir Kinder hatten unsere Freude an den Gaslaternen und häufig wurden diese für verschiedene Wurf- und Kletterübungen benutzt.

Wer konnte die Laterne hinaufklettern und durch ziehen am Ring ausschalten?

Wer konnte im Winter mit einem gezielten Schneeballwurf die Laterne „auswerfen“?

Ein Gasmann in Oelde entzündet eine Lampe

Alle Zeichnungen zu dem Bericht stammen aus der Bleistiftspitze von Norbert Löbbert

Im Jahre 1905 erteilte der Kreis Beckum die Genehmigung zum Bau  einer „Gasfabrik“ in Oelde. Der Standort der Anlage lag am Anfang der Rhedaer Straße und bestand aus einem Wohnhaus für den Gasmeister, dem Ofenhaus, dem Apparatehaus und zwei weiteren Hallen. Dazu kam ein 800 Quadratmeter großer Gasbehälter. Im Jahre 1916 wurde ein weiterer Gasbehälter von 600 qm dazu gebaut. Mit einem weit verzweigten Rohrnetz wurden alle bebauten Straßen in der Stadt mit Gas versorgt.

Im Jahre 1965 wurde der Betrieb der „Gasfabrik“ eingestellt und anschließend wurde die Anlage abgebrochen.

In welchem Umfang der Boden am Betriebsgelände verseucht wurde und wie weit sich die Altlasten verbreitet haben, ist aus heutiger Sicht schwer zu klären. Es ist aber denkbar, dass Benzol, Teeröl, Säuren und andere Schadstoffe den Boden kontaminiert haben.

Das Rohrnetz und die Gasversorgung wurden von der damaligen VEW (Vereinigte Elektrizitätswerke Westfalen) übernommen. Heute leuchten die Straßenlaternen in Oelde elektrisch und werden von der EVO betrieben.




Gegen das Vergessen erinnern – jährliche Gedenkfeier anlässlich der „Reichsprogromnacht“ am 9. November

Heute berichtet ebenfalls Frau Christiane Glitscher-Krüger im OELDER ANZEIGER zum 70. Gedenktag der Reichspogromnacht. Dabei wird viel Hintergrundwissen vermittelt zu den damit verbundenen Oelder Juden damaliger Zeit und den Stolpersteinen.

Foto: Leeser

Bürgemeister Karl-Friedrich Knop, Christiane Glitscher-Krüger, Elisabeth Lewanschkowski, Doris Leeser, Person unbekannt. Foto: Leeser

Text von Christine Glitscher-Krüger

Seit es den Gedenkstein für die in der NS-Zeit deportierten und ermordeten jüdischen Mitbürger im Innenhof des Rathauses gibt, haben dort  einzelne Personen in Eigeninitiative Kerzen  am 9. November aufgestellt.

Zum 70. Gedenktag der Reichspogromnacht  2008 – „Reichskristallnacht“ wurde sie im Volksmund auch genannt – gestaltete der ökumenische Arbeitskreis „Wir Christen in Oelde“ eine besondere Feier am Standort der ehemaligen Synagoge neben der Volksbank in der Ruggestraße.

Gedenkstein

Der damalige Bürgermeister Helmut Predeick regte bei dieser Feier  an, einen Gedenkstein vor der ehemaligen Synagoge in der Ruggestraße ins Pflaster zu legen. Diese Anregung nahm der Ökumenische Kreis auf und initiierte die Verlegung der „Stolpersteine“ in Oelde und Stromberg in Zusammenarbeit mit dem Kölner Künstler Gunter Demnig und der Stadt Oelde.

judenstern-zeichnung-torsten-schwichtenhoevelStolpersteine

Vor jedem Wohnhaus, in dem Juden gelebt hatten, wurden „Stolpersteine“ mit deren Namen, dem Deportationsort  und, so weit bekannt,  dem Todesdatum ins Pflaster eingelassen.

Hatte die NS-Propaganda das erklärte Ziel, Juden in Deutschland und ihre Namen ein für alle Mal auszulöschen, so versucht  der Ökumenische Kreis dagegen, das Andenken der ehemaligen Mitbürgerinnen und Mitbürger in Oelde in Erinnerung zu halten. So werden jedes Jahr alle 53 Namen bei einer Gedenkfeier im Rathausinnenhof  am Gedenkstein verlesen.

Jüdischer Friedhof in Oelde

Jüdischer Friedhof in Oelde
Foto: Heinz-Werner Drees

Einige Male wurden in einem Rundgang  die Stolpersteine aufgesucht und weiße Rosen auf ihnen niedergelegt. Ein anderes Mal ging der Weg zum Denkmal  für die Gefallenen und Vermissten der beiden Weltkriege auf dem Friedhof, wo die Namen der deportierten und ermordeten Juden in Oelde  ebenfalls aufgeführt sind.

Nachforschungen

„Wir Christen in Oelde“ bemühte sich um  Nachforschungen über die einzelnen Schicksale und erhält immer noch viele Hinweise aus der Bevölkerung. Etliche ältere Menschen wenden sich auch jetzt noch an die Mitglieder und berichten über ihre Erlebnisse rund um die Reichspogromnacht.

Schulthema

In den letzten Jahren haben viele Schulklassen die „Stolpersteine“ aufgesucht. Am Thomas-Morus-Gymnasium schrieben zwei Oberstufenschülerinnen ihre Facharbeit im Fach Geschichte zu Schicksalen von Menschen, für die ein Stolperstein verlegt worden war. So ist sichergestellt, dass das Erinnern auch an die junge Generation weiter gegeben wird.

Gedenkblätter

Diese recherchierten Einzelschicksale hat der ökumenische Kreis  dem Geschichtsort „Villa ten Hompel“ in Münster zur Verfügung gestellt, wo sie in den „Gedenkblättern“ gesammelt  und ausgestellt werden. Jedes Jahr im Dezember werden dort neue Gedenkblätter hinzugefügt (Am 10. Dezember 1941 waren von dort aus die Juden aus dem Münsterland, auch aus Oelde, ins KZ Riga deportiert worden).

Auch in diesem Jahr hat der Kreis „Wir Christen in Oelde“ eine Gedenkfeier im Rathausinnenhof abgehalten. Viele waren gekommen, um sich gemeinsam zu erinnern und vor neuerlichem Faschismus und Rassismus zu warnen.




Neunter November 1938

judenstern-zeichnung-torsten-schwichtenhoevelAm 9. November 1938 kam es im gesamten Deutschen Reich zu massiven Ausschreitungen gegen jüdische Bürger und jüdische Einrichtungen. Angehörige von SS (Schutzstaffel) und SA (Sturmabteilung) zerstörten Wohnungen, Geschäfte, Gemeindehäuser und Synagogen. Bei diesen Ausschreitungen und Misshandlungen kamen zahlreiche Menschen ums Leben. Die Hintergründe der Verfolgung waren der staatlich angeordnete Antisemitismus und Rassismus, die per Gesetz geforderte Arisierung und die vorgesehene Zwangsenteignung von jüdischem Eigentum. Damit sollte auch die deutsche Aufrüstung mitfinanziert werden.

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Die Zeichnung von Norbert Löbbert zeigt die alte Synagoge in Oelde, Ruggestraße 10

Übergriffe in Oelde

Auch in Oelde kam es zu organisierten Übergriffen. Die Synagoge auf der Ruggestraße wurde verwüstet, Geschäfte und Wohnungen ausgeräumt oder beschädigt. Die jüdische Bevölkerung in Oelde wurde verhöhnt, geschlagen und in Schutzhaft genommen.

Verantwortlich für diese Taten waren angeblich SA-Leute aus Ahlen, doch mit reger Beteiligung der Oelder Parteigenossen, darunter viele stadtbekannte Bürger.

Die Verfolgung der Juden endete im Holocaust und die Alliierten befreiten Deutschland im Mai 1945 vom nationalsozialistischen Terror.

Stolpersteine in Oelde

An die Übergriffe vom 09.11.1938 erinnern heute auch in Oelde eine Anzahl von Stolpersteinen, mit denen der Künstler Gunter Demnig europaweit an das Schicksal der verfolgten, deportierten und ermordeten Juden erinnern will.

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Von diesen Stolpersteinen findet man viele in Oelde. Sie stehen dafür, dass an dieser Stelle Menschen lebten, die entweder im KZ ermordert wurden, deportierten oder die Flucht ergriffen. Foto Torsten Schwichtenhövel

Die Stolpersteine findet man unter anderen in Stadt Oelde in folgenden Straßen:

Jüdischer Friedhof in Oelde

Jüdischer Friedhof in Oelde
Foto: Heinz-Werner Drees

Lindenstraße 23

Lange Straße 45
Ruggestraße 2
Wallstraße 18

Auch Walter Tillmann erinnert mit seinem Buch „Ausgegrenzt-Anerkannt-Ausgelöscht“ an den Untergang der jüdischen Bevölkerung in Oelde.

Das Kriegsende und die Befreiung vom Nationalsozialismus war allerdings nicht das Ende dieser menschenverachtenden Ideologie. Die Liste der rechten Parteien in Deutschland nach 1945 ist lang, dazu gehören die Sozialistische Reichspartei, Nationaldemokratische Partei Deutschlands, die Republikaner und die Deutsche Volks-Union.

Die Gefahr, dass sich die Geschichte wiederholt, zeigt sich erneut.

Heute erleben wir wieder ein Erstarken von rechten Parolen und rechtsradikaler Gewalt. Menschen werden auf Grund ihrer Hautfarbe und Religion unter Generalverdacht gestellt. Asylbewerberheime gehen in Flammen auf. Wachsende Fremdenfeindlichkeit, offener Rassismus und eine gesteigerte Aggression gegenüber Menschen die eine andere Meinung haben, sind an der Tagesordnung. AfD, Pegida und selbst ernannte Wutbürger bedienen sich dabei eines Vokabulars, das an die Nazizeit erinnert. Begriffe wie völkisch, Altparteien und Lügenpresse sind nur einige Beispiele, die direkt aus dem „Völkischen Beobachter“ stammen könnten. (Der Völkische Beobachter war bis April 1945 das publizistische Parteiorgan der NSDAP.)

Sinne schärfen

So sollten uns die fürchterlichen Ereignisse vom 9. November 1938 nicht nur eine mahnende Erinnerung sein, sondern sie sollten auch unsere Sinne schärfen gegen Unrecht, Gewalt und Rassismus.

Am 16. November 2015 versammelten sich tausende Oelder zu einer Gegendemonstration einer Ausländerfeindlichen Gruppierung Foto: Torsten Schwichtenhövel

Am 16. November 2015 versammelten sich tausende Oelder zu einer Gegendemonstration einer Ausländerfeindlichen Gruppierung
Foto: Torsten Schwichtenhövel