Oelder Geschichte und Geschichten

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Das Bandlogo zierte das Schlagzeug der Sharks. Logo Norbert Löbbert

Als der Beat nach Oelde kam

Am  Anfang der 1960er Jahre war die große Zeit des klassischen Rock ´n´Roll allmählich vorüber. Vorbei war die Zeit der Petticoats und Schmalzlocken, von den sogenannten Halbstarken und der Musik von Bill Haley (Rock around the clock), Fats Domino (Blueberry Hill), Buddy Holly (Rave on) und vieler anderer. Buddy Holly war bereits im Februar 1959 gestorben; zusammen mit den Rock-Sängern Ritchie Valens und „The big bopper“ Richardson war er bei einem Flugzeugabsturz ums Leben gekommen. Elvis Presley, ein großartiger Sänger, der mit Sinnlichkeit und Aggressivität Millionen junger Leute verzauberte, wurde zum Leinwandhelden und machte sich später auf den Weg nach Las Vegas.

 

Die Zeit war reif für etwas Neues!

In England zählten zu dieser Zeit Cliff Richard, Bill Fury, Lonnie Donegan, Helen Shapiro, Skiffle-Bands oder Instrumentalgruppen wie Spotnicks oder Shadows zu den Favoriten. Außerdem hatte sich zur gleichen Zeit eine blühende Rhythm and Blues-Bewegung entwickelt. Alexis Korner´s Blues Incorporated war eine ganz heiße Kiste, John Mayall und seine Bluesbreakers entstanden bald danach. In den Vereinigten Staaten war Musik von Tony Bennett, Paul Anka, Peggy Lee, Frank Sinatra und Connie Francis populär, in Deutschland dominierte Schlagermusik von Nana Mouskouri, Gus Backus, Peter Kraus, Manuela und Freddy Quinn.

Und dann kam sie plötzlich aus England zu uns herüber geschwappt: die Beat-Welle! Tsunamiartig spülte sie alles fort und plötzlich waren sie da, die Beatles, Rolling Stones, Kinks, Small Faces, Troggs, Spencer Davis Group, Manfred Mann, Tremeloes, und, und, und …

Zwei der frühen und bekanntesten deutschen Beatbands waren The Lords (Poor boy. Shakin`all over) und The Rattles (Come on and sing. The witch).

Mit den Bands entstanden die Clubs, die angesagtesten in unserer Gegend waren der Star-Club Hamm (früher Astoria), die Eisenhütte in Bielefeld, der Star-Club Bielefeld und der Jaguar-Club (ehemals Scala ) in Herford. Während zum Beispiel im Star-Club Bielefeld Gruppen wie Remo Four, Pretty Things und Phantom Brothers gastierten, waren im Jaguar-Club, durch die Zusammenarbeit mit der Fernsehsendung Beat-Club , alle wichtigen Bands jener Zeit wie Jimi Hendrix, The Who, Cream, Troggs, Easybeats, Heard und zahlreiche andere zu sehen.

Überall, auch in den kleinen Städten, entstanden über Nacht neue Bands. In Garagen, Kellern und ehemaligen Hühnerställen wurde mit zum Teil abenteuerlichen Instrumenten und selbstgebauten Verstärkern musiziert. Für die musikalische Ausrüstung sorgte damals vor allen Dingen die Firma Rost in Bielefeld. Junge Leute mit wenig Geld konnten bei „Pappa“ Rost auch schon mal in Raten zahlen.

Auch in Oelde entwickelte sich etwas. Leute, die Unterhaltungs- und Tanzmusik machten, gab es bereits, aber zu den frühen Bands gehörten die Souls, Red Kinks und Little Sharks. The Souls übten und spielten mit veränderter Besetzung in einem ehemaligen Brauereikeller. Ein Höhepunkt der Band bestand in einem Auftritt im Herforder Jaguar-Club, wo die Band als Vorgruppe der damals sehr bekannten Rivets auftrat. Theo Schmitz, damaliger Gitarrist der Souls, erinnerte sich an diesen Auftritt.

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Original- Logo angefertigt von Norbert Löbbert ca. 1967

Unser größter Auftritt war in der Scala in Herford, als Vorgruppe der Rivets. Wir spielten mit der Anlage der Rivets und hatten natürlich überhaupt keine Erfahrung, wie man in einer so großen Halle die Anlage einstellt. Auf der Bühne wurden wir durch die Scheinwerfer so geblendet, dass man überhaupt keine Zuschauer erkennen konnte. Wir begannen zu spielen und das Chaos auch! Ich hörte meine Gitarre nicht mehr und drehte den Verstärker auf. Ein Typ von den Rivets sprang auf die Bühne und drehte die Lautstärke wieder runter. Dann riss mir bei einem Solo die E-Saite. Ich habe dann während des Stücks die Gitarre mit unserem Rhythmusgitarristen getauscht. Zu guter Letzt packte unseren Sänger noch das Lampenfieber und er verschwand von der Bühne. Charly sprang recht gut ein. Nachdem wir das Programm beendet hatten, trauten wir uns erst garnicht unter die Leute, weil wir dachten wir hätten total schlecht gespielt. Aber genau das Gegenteil war der Fall. Die Rivets spielten schon lange und als wir uns in die angrenzende Kneipe geschlichen hatten, wurden wir erkannt und den ganzen Abend von Menschen umringt, so dass man keinen Fuß mehr auf den Boden bekam. Somit war unser Auftitt der absolute Knaller!

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Die Sharks von links: Erich Lobemeier, Peter Lobemeier, Burkhardt Heringhof † (auch Haifisch genannt) und Uli Remfert Foto: © Peter Lobemeier

The Little Sharks probten in der alten Wassermühle am Oelder Stadtpark. Ein wunderbarer Ort, denn gegenüber befand sich die Gaststätte Kramers Mühle, wo Robert, der „Hammer von Essen“, als Wirt leckeres Weissenburger Bier und Himbeergeist verabreichte. The Little Sharks waren viel unterwegs, die Konzerte in Oelde und in der Umgebung waren immer gut besucht.

Mit dem Entstehen der Beat-Bewegung änderte sich auch unser Aussehen: die Haare wurden länger und die Bekleidungsvorgaben unserer Eltern wurden ignoriert – ein Generationskonflikt bahnte sich an. Wir trugen Beatles-Stiefel in jeder Ausführung, Hosen mit Schlag und Falte, Armee-und Cordjacken, Blazer mit Fellkragen sowie Parka, die mit Peace-Zeichen versehen wurden.

Musikalisch konnten wir uns damals, in einer Zeit ohne Computer, USB-Stick, CD oder Cassetten bei der Firma Holtkamp auf der Ruggestraße versorgen. Die verfügten über ein überschaubares Sortiment von Beat- und Rock- Schallplatten und „Fräulein Holtkamp“ war stets bemüht, den Geschmack der jungen Kundschaft zu treffen. Unermüdlich legte sie Platten auf, die man mit Hilfe zweier Hörer, die man sich an die Ohren presste, hören konnte.

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Original- Zeichnung aus dem Buch „Ich dachte nur noch Wahnsinn“ von Heinz Werner Drees

Auch in der Oelder Gaststätte „Zum blauen Täuber“ traf man sich zu Beatkonzerten. Ansonsten gab es nicht allzu viele Möglichkeiten in unserer kleinen Stadt, man traf sich im Hahnenteller, Kupfergrill, bei „Stucki“ und vor allen Dingen in der damaligen Eisdiele von Rina und Franco Molin.

Aber die Zeit der langweiligen Abende hatte schon bald ein Ende, denn 1968 eröffnete die erste Oelder Disco, das Meranchito!

Aber das ist schon wieder eine andere Geschichte!“

The Beat goes on …

Autoren: Heinz Werner Drees & Norbert Löbbert

 

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6 thoughts on “Oelder Geschichte und Geschichten

  1. Sehr schöner Artikel, ruhig mehr davon, da gibt es ja noch einige aktive Musiker aus der Zeit. Aber man sollte nicht vergessen, dass Oelde immer noch eine gute Bandszene hat, mit jungen Bands wie „One Final Fight“ oder „erwachsenen“ wie „Lucky Star“, „Deaf Chixx“ oder „Colorados“. Alles durchaus sehen- und hörenswert!

  2. Wunderbar, an diese Zeit so detailreich erinnert zu werden. Es waren wilde Zeiten auf dem flachen Lande.

    Man sollte allerdings auch nicht vergessen, mit welchem Hass damals die Oelder Poahlbürger und Altnazis den musikaffinen »Langhaarigen« begegneten: Mehrfach wurde beispielsweise das Stromkabel zum Bandkeller durchgeschnitten, um der »Negermusik« ein Ende zu bescheren (von den sonstigen Pöbeleien und körperlichen Angriffen ganz zu schweigen).

    Auf der anderen Seite gab es positiv eingestellte Erwachsene, die uns »Beatles« verteidigten und sich dabei – wie der »Hammer von Essen« – auch körperlich einsetzen.

  3. Erinnere mich auch gerne zurück. Danke für diesen Artikel. Man könnte noch viel aus dieser Zeit erzählen. Zum Beispiel auch von KJG Disco im Jugenheim usw.

  4. Danke für den Artikel. Es ist höchste Zeit, daß die Erinnerungen an Anfänge der Jugendkultur in den 60iger Jahren in der westfälischen Provinz zusammengetragen werden. Das waren harte Zeiten und der Gegenwind der ewig Gestrigen wehte heftig in der kleinen Stadt, ein guter Nährboden für subkulturelle Gegenbewegung.
    Da gibt noch viele Geschichten, die es wert wären, erzählt zu werden.
    Im Rockmuseum in Gronau gibt es im März 2015 eine Ausstellung über die Anfänge der Rockmusik im Münsterland.

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